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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 107

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
Date
1935-01-01
Page
Seite 107 (sequence 8)
Language
German
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Max FreudenthaL Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr „Maasebuch“ ihren Niederschlag gefunden39). Aus dem nahen Pfeddersheim stammte ein getaufter Jude, Johannes Pauli (1455 bis 1530), der eines der beliebtesten Volksbücher des 16. und 17. Jahrhunderts schrieb40). In Worms selber aber lebte der Mann, dem auch die jüdische Literatur die größte Sammlung von Volksliedern verdankt, Eisak Wallich, Vorsteher der Wormser Gemeinde, gestorben 1632. Trotzdem nach den rabbinischen Vorschriften der Gesang von Liebesliedern und zum Lobe der Schönheit verboten war41), hielt er es durchaus nicht für sündhaft, eine Liedersammlung zusammenzustellen, deren Stücke nur zum kleineren Teil von jüdischen Autoren, darunter auch einige von ihm selbst, herrührten, zum weitaus größten Teile aber aus deutschen Volks- und Gesellschaftsliedern jener Tage bestand42). Es sind Lieder aller Arten: Tanzlieder, Liebeslieder, Schlemmerlieder, Parodien, Spottlieder, Rätsel-, Wett- und Lügenlieder, auch Lieder zu Purimaufführungen, fast allesamt im Geschmack jener Tage recht sinnlich und derb, aber auch religiöse und moralhafte Lieder voll ernster und inniger Gesinnung. Worte, die dem jüdischen ritualen Leben anstößig gewesen wären, sind wohl vom Sammler durch unanstößige ersetzt, sonst jedoch ist am zeitgemäßen Stil und Ton nichts geändert. Nur die drei Hochzeitslieder stechen unter den Liebesliedern von den übrigen weit ab. Sie mahnen die jüdische Braut ihre Pflichten nicht bloß gegen ihren Gatten, sondern auch gegen Gott und die Menschen zu erfüllen, und alle Sinnlichkeit wird hier durch eine Züchtigkeit des Ausdrucks verklärt, die unbeabsichtigt ein Zeugnis dafür bildet, daß das Motto des Tanzliedes, das alle anderen Lieder dieser Art durchzieht: „Frölich muß ich sein, frölich muß ich sein, dieweilen ich es hab’ und kann“, doch in der Judengasse seine moralischen Grenzen gerade auf dem Gebiete hatte, auf dem selbst nach religiöser Vorschrift jede Fröhlichkeit erlaubt, ja sogar geboten war. Daß zum Vortrag einmal die Melodie eines deutschen Volksliedes mit angegeben wird, zeigt, daß auch die deutsche Musik in der Judengasse nicht unbekannt war, wie überhaupt diese ganze Sammlung lebhaft dafür Zeugnis ablegt, wie wenig der äußere Abschluß die Gemeinschaft des Lebens verschließen konnte. Sie machte auch vor den Gelehrten nicht Halt, selbst nicht auf solchen ihnen ferner liegenden Gebieten. So hatte R. J. Ch. Bacharach ein Gutachten darüber zu erstatten, ob ein Gelehrter, der alle möglichen Instrumente zu spielen verstand, seine Kunst auch beim Hochzeitszug und an der Hochzeitstafel zeigen dürfe, was er übrigens erlaubte43). \ Und ist es nicht eigenartig, daß die beiden deutschen Volkslieder, die in ihrer jüdischen Umbildung durch Aufnahme in die Pessach-Hagadah jedem Juden geläufig geworden sind, Chad Gadja, das Lied vom Zicklein, und Echad mi jodea, Eins wer weiß es, zuerst „auf Pergament geschrieben und verborgen im Lehrhaus des — schon erwähnten berühmten — Sittenlehrers R. Eleasar ben Jehuda gefunden wurden“44) und von dort aus bereits im 14. Jahrhundert ihre Verbreitung in der weiten jüdischen Welt gewonnen haben! | Solch froher Sang milderte die oft so begreiflich düstere Stimmung der Judengasse und hielt aus Ritus und Leben jene Melancholie fern, die im Osten weit stärker sich ausprägte und erst durch den Chassidismus ihr Gegengewicht erhielt. Wenn einer der chassidischen Größen solch östliche Frömmigkeit sarkastisch einmal als ein Kleid bezeichnete, dessen Oberstoff aus Ueberhebung und dessen Futter aus Groll bestehe und das mit den Fäden der 39) Vgl. Grunwalds Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, 1898, Heft II, 7. 40) Güdemann a. a. O., S. 160. ^) Ackermann a. a. O., S. 503. &) Ueber Eisak Wallich s. Schultze a. a. O., S. 183 ff.; über die Liedersammlung selbst Felix Rosenberg (in: Geigers Ztschrft. f. d. Gesch. d. J. in Dtschld., Bd. II, S. 235 ff.). 43) Chawoth Jair, No. 205. 44) Brüll, Jahrb. f. j. Gesch. u. Lit., IV, 97. 107

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