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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 106

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
Date
1935-01-01
Page
Seite 106 (sequence 7)
Language
German
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Max FreudenthaL Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr Karten und Würfeln versuchte man durch wiederholte Verbote auf einige Tage im Jahre, meist auf Chanukah zu beschränken, allein ohne Erfolg. Daß auch das Schlittschuhlaufen gern getrieben wurde, verrät eine Anfrage bei Bacharach, ob es am Sabbath gestattet werden dürfe29). Die Feierlichkeiten bewiesen manchen künstlerischen Geschmack. Davon legen die schönen Becher Zeugnis ab, die bei den Liebesmahlen der frommen Vereine umgingen und im Wormser jüdischen Museum noch aufbewahrt werden30). Bacharach erklärt es auch ausdrücklich für erlaubt, sich malen zu lassen und Bilder in den Wohnungen aufzuhängen31). Vor allem herrschte viel Freude an Gesang und Musik sowohl im Gotteshause wie außerhalb desselben. Das „Buch der Frommen“ empfiehlt, wenn man sich nicht zum Gebete sammeln könne, nach Melodien zu suchen; denn der Gesang mache das Herz empfänglich zur Liebe Gottes32). Der schöne Gesang in der Wormser Synagoge war schon in alter Zeit so berühmt, daß 1495 der Pfalzgraf Philipp mit seinem Sohne Ludwig und im Jahre darauf die Königin Maria Blanka, die Gemahlin Maximilians I., sich ihn anhörten33). Bereits zur Zeit Raschis lebte in Worms ein berühmter Vorbeter namens Meir ben Isaak, der zugleich ein eifriger Dichter von Synagogengesängen war und dessen Sohn zu den Märtyrern des ersten Kreuzzuges gehörte34). Im 13. Jahrhundert genoß der Vorbeter Abraham, der schon einen Chor um sich hatte, solchen Ruhm35). Das Memorbuch der Gemeinde hat das Gedächtnis eines hervorragenden Sängers erhalten, dem es in überschwänglichster Weise huldigt, namens Moses, Sohn des gelehrten Vorstehers R. Eljakim, der kurz nach Schluß der Herbstfeiertage des Jahres 1635 starb, und es hebt mit etwas verschämter Kritik hervor, daß auch R. J. Ch. Bacharach „in den Tagen seiner Jugend“ eine herrliche Stimme besessen und dadurch an den hohen Feiertagen Gott und Menschen erfreut habe36). Daß auch in der Frauensynagoge zu Worms Vorbeterinnen ihres Amtes walteten, ist bekannt. Die alten Melodien wurden früh bereits niedergeschrieben, damit sie nicht verloren gingen37). Man suchte zu verhindern, daß sie von den Kirchen übernommen wurden, wie man auch umgekehrt das Eindringen von Liedern und Melodien aus dem Volke gern verhütet hätte. Doch das gelang nicht und konnte am wenigsten in Worms gelingen, dem einstigen Sitz der Heldensage, einer Pflegestätte des Meistersingens und der Fastnachtsspiele, wo gerade nach schweren Katastrophen die neu erwachte Lebenslust sich gern in Liedern äußerte, die auf den Straßen und in den Schänken von jedermann gesungen wurden33). Wormser Heldensagen haben auch in dem jüdischen 29) Kaufmann a. a. O., S. 87, Anm. 7: das „Schleifen“ auf dem Eise. 30) Abbildungen bei Max Levy, Zur Geschichte der Wormser jüdischen Gemeinde (in Gedenkschrift zur Eröffnung des neuen Friedhofs 1911). 31) Kaufmann a. a. O., S. 91, Anm. 2: es ist nicht verboten, sein eigenes Bild und das seines Vaters malen zu lassen und sie in seinem Gemach aufzuhängen. Vgl. auch Berliner a. a. O., S. 35. 32) Vgl. Ackermann a. a. O., S. 505. 33S Epstein a.a.O., S. 311. 34) Zunz, Die synagogale Poesie des Mittelalters, S. 188 ff., woselbst auch Uebertragungen einiger seiner Gedichte. 35) Epstein a. a. O., S. 310. 36) Kobez al Jad, III S. 12, über Moses in biblischen Anspielungen, u. a.: seine Stimme erscholl mit Kraft, seine Stimme erscholl mit Glanz, und es stand fast keiner mehr auf wie Moses, wenn er redete und Gott mit der Stimme antwortete, er hinterließ keinen seinesgleichen usw. Ueber Bacharach das. S. 22. 37) Eine Zusammenstellung bei Epstein a. a. O., S. 310. 33) Boos a. a. O., II, 134. 106

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