Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 6)
- Language
- German
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Max Freudenthal. Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr fehlen immer wieder den Versuch eines friedlichen Zusammenlebens mit der nichtjüdischen Umwelt, von der R. Juda der Fromme in einem kurzen Schlagwort erklärte, daß doch im Guten und im Bösen kein Unterschied zwischen hier und dort sei, vielmehr an den meisten Orten die Aufführung der Juden sich nach derjenigen der Christen richte21). In der Tat legen diese Sittenbücher selber für die Richtigkeit einer solchen Feststellung Zeugnis ab, denn sie spiegeln auch all die mystischen und abergläubischen Anschauungen wider, von denen jene ganze Zeit erfüllt war. Es ist wieder ein kerniges Wort, wenn R. J. Ch. Bacharach erklärt, daß der Wert solcher Moralbücher, sogar derjenigen in deutscher Sprache, größer sei als der der mächtigsten Schriften voll unwahren Charifuth und Pilpuls22); aber auch er untersteht allen jenen törichten Anschauungen, glaubt an das Schalten und Walten von Kobolden und Klopfgeistern im Hause, an das Alraunmännchen und ist überhaupt voll der Wundergläubigkeit, die für die Wormser Juden mit ihren „Wormser Nissim“ sprichwörtlich geworden war. Auch von der messianischen Schwärmerei jener Tage hatte er sich völlig einfangen lassen und den Glauben an Sabbatai Zebi als Messias selbst dann noch bewahrt, als die Ernüchterung überall bereits Platz gegriffen hatte. Doch Gefühlslebhaftigkeit und schwärmerischer Sinn vertrug und verträgt sich auch heute noch am Rhein mit dem verständigen und realen Erfassen des Tatsächlichen. Die jüdischen Sittenbücher wünschen denn auch kein düsteres asketisches Leben; das wäre in der so frohlebigen Welt des Rheinlandes ohnedies unnatürlich gewesen. Sie billigen auch dem von dieser Welt berührten rheinischen Juden seinen frohen Lebensgenuß zu und suchen nur vor Uebermaß und Auswüchsen zu bewahren. Das „Buch der Frommen“ lehnt es ausdrücklich ab, den Juden ein Leben gleich den Mönchen mit härenem Gewände zu empfehlen, und bezeichnet es als sündhaft sich mehr zu versagen, als die heilige Schrift selbst verbiete23). Die Juden in Worms hatten ihr Tanz- und Kopulierhaus, auf dessen Boden heute das Spital der Gemeinde steht, sie feierten dort voll Lust und Fröhlichkeit ihre Feste. An der Simchaththorafeier, die daselbst regelmäßig stattfand, hatte selbst eine christliche Frau ein solches Vergnügen, daß sie der Gemeinde einen Garten mit der Bedingung vermachte, daß die Früchte aus ihm immer zu jener Feier Verwendung finden müßten, was denn auch geschah24). Die Schüler der Lehrhäuser hatten sogar einen eigenen Studententag, den Sabbath nach Purim, an dem sie die Herren der Gemeinde waren und allerlei Allotria treiben durften25). Natürlich ließen sich auch alle Wormser Juden ihren Rhein- und Franzwein munden — R. J. Ch. Bacharach hatte sogar eine tiefsinnige Untersuchung darüber angestellt, warum der Geist des Menschen durch den Wein beflügelter werde und berauscht der Wahrheit näherkomme26) —, sie spielten leidenschaftlich Karten und Würfel und trieben gerne Mummenschanz gleich allen anderen. Verbote nicht des Frohsinns, aber des Uebermaßes ergingen von seiten der Rabbinen oft genug. Die Spinholzfeier, d. h. das Gastmahl für die Verlobten am Freitagabend vor der Hochzeit mit eigenen Gesängen dafür, hatte ein solches Ausmaß angenommen, daß Bacharach ihr den Charakter einer frommen Sitte absprach27). Die Spaßmacher bei Hochzeiten konnte er nicht leiden, weil das eine von Polen aus eingeschleppte Sitte sei26). Das Spielen mit 21) Güdemann a. a. O., S. 187. 22) Kaufmann a. a. O., S. 86 Anm. 1. 2S) Berliner, Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter, S. 30. 24) Epstein a. a. O., S. 312 ff. 25) Das., S. 314. 26i Kaufmann a. a. O., S. 91, Anm. 7. 27) Das., S. 92, Anm. 8, Ueber Spinholz s. Berliner a. a. O., S. 44 ff., Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Deutschland, Wien 1888, S. 119. 28) . Güdemann a. a. O., S. 139. 105