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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 104

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 2-3
Article
Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
Date
1935-01-01
Page
Seite 104 (sequence 5)
Language
German
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Max Freudenthal. Die Eigenart d?r Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr Klügelei und Spitzfindigkeit. Ihr Streben geht dahin, entweder eine sorgfältige Sammlung des Stoffes oder eine verständige Erklärung des Inhalts zu bieten. In dem großen Meister Raschi hat diese Eigenart wissenschaftlichen Schaffens ein durch alle Zeiten leuchtendes Vorbild gewonnen, das aber selber wieder ein Nachbild der wissenschaftlichen Art war, die er bei seinen Lehrern in Mainz und Worms gefunden hatte. Ihnen allen liegt nicht am „Charifuth“, am scharfsinnigen, ausgeklügelten Diskutieren, sondern am „Bekiuth“, am zuverlässigen, unangreifbaren, umfassenden Wissen. R. J. Ch. Bacharach, in allem ein echter Sproß der Wormser Gemeinde und darum auch ein abgesagter Feind alles Pilpuls, ruft einem Freunde, dessen Sohn Barmizwah geworden war und der ihn für dessen weitere Ausbildung um Rat gefragt hatte, die Worte zu: „Wenn du zu mir gehörst und auf meine Stimme hörst, dann lasse deinen Sohn nicht die Zeit mit diesen Torheiten von Distinktionen und Charifuth vergeuden, die sich jetzt breit machen und von denen sich nicht das geringste in den Schriften der Früheren findet“16). Abgestoßen von dieser Lehr- und Predigtweise des damaligen, aus dem Osten herberufenen Wormser Rabbiners spricht .^er treffend aus, daß selbst das Charifuth und das Aufwerfen schwieriger Fragen kein Recht geben, in die polnische Art ihrer Behandlung auszuarten17). Dazu tritt noch ein anderes, das unwillkürlich den Gegensatz verschärfte. Man fühlte, daß Spitzfindigkeit und Klügelei auch moralisch nicht einwandfrei sind. Es ist aber nicht ohne Bedeutung, daß Worms die Stätte ist, von der mit die besten Moralbücher des Judentums ausgingen. Um jene Zeit, in welche jetzt das Jubiläum der Synagoge wieder führt, wirkte dort R. Elieser ben Isaak, öfters mit dem .Namen „der Große“ belegt, der Verfasser des in Form eines Testaments au die Seinigen gehaltenen Sittenbuches Orchoth Chajim, „Pfade des Lebens“^8). Sein Schüler R. Isaak Halevi war der Lehrer Raschis, und dieser verdankt ihm die Kenntnis jenes Buches. Auch den Namen des zweiten hervorragenden Sittenlehrers verknüft wenigstens die Sage mit Worms. Der bekannte Eindruck an der Mauer der Synagoge erinnert nach ihr an Juda den Frommen, den Begründer des Sefer Chasidim, des „Buches der Frommen“, von dem es freilich nicht feststeht, ob er tatsächlich in Worms gelebt hat19). Um so mehr weiß die Geschichte von dem dritten bedeutenden Sittenlehrer, seinem Schüler R. Eleasar ben Jehuda, zu berichten, der 1197 in seinem friedlichen Hause zu Worms die entsetzlichsten Greuel der Kreuzzüge erdulden mußte. Er ist nicht bloß der Bearbeiter des Werkes seines Lehrers, sondern auch der Verfasser eines eigenen Sittenbuches, des Rokeach, zu deutsch „Salbenmischer“, in der Tat eine köstliche Mischung „aus dem Edelsten im Menschlichen und dem Höchsten im Israelitischen“20), das im Inhalt zur Darstellung zu bringen und im Tun zu verwirklichen die Mahnung aller dieser Sittenbücher ausmacht. Solche Werke erwecken einen um so tieferen Eindruck, als das Leben ihrer Verfasser erweist, daß es sich nicht um bloße schöne Darstellungen der Sittenlehre handelt; was diese Männer von ihren Glaubensgenossen verlangen, haben sie ihnen selber vorgelebt und in den schweren Schicksalsstunden, welche das jüdische Dasein jener Tage so oft mit sich brachte, aufs tapferste bewährt. Dabei setzten sie, trotz alles Furchtbaren von außen her, niemals das Gebot der Nächstenliebe außer Kraft. Fanatismus und Rachsucht sind ihnen völlig fremd; sie verbieten jeden Gedanken und erst recht jede Tat der Vergeltung an den Verfolgern und emp- 16) Chawoth Jair, Frankfurt a. M. 1699, No. 123. 17) Kaufmann a.a. O., S. 90, Anm. 1. 18) Ueber ihn u. Auszüge aus seinem Werk s. Zunz a. a. O., S. 124 u. 130. 19) Ueber das Buch der Frommen s. Güdemann a. a. O., S. 178 ff. 2°) Nach Zunz a. a. O., S. 125. 104

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