Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 4)
- Language
- German
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Max Freudenthal. Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr Gruppe noch seinen eigenen Ritus geschaffen, der frühzeitig in besonderen Gebet- und Minhag-Büchem niedergelegt ward12). Es war aber natürlich nicht bloß die Verschiedenartigkeit des Ritus, welche die Geister schied, sondern auch die andersartige Denkweise, die Gegensätze hervorrief, sowie die anders geartete Umgebung, die eine andere Einstellung verlangte. In Polen hatte sich unter den Juden allmählich eine geschlossene und organisierte Volksgemeinschaft von besonderer Eigenart, auch mit eigener Sprache herausgebildet, die innerhalb der Bevölkerung ihr nationales Eigenleben führte. In Deutschland war das nirgends der Fall. Gerade in den rheinischen Gemeinden blieb der Einfluß der Umgebung auf die Judenschaft trotz aller äußeren und inneren Scheidungen immer außerordentlich groß und wurde von jüdischer Seite durchaus nicht abgewiesen. Kleidung, Sprache und Namen waren die gleichen13), Sitten und Gebräuche drangen von außen her zahlreich in die Judengassen ein und erhielten manchmal sogar eine religiöse Stempelung. Oft genug erkannte man selber auch die Notwendigkeit eigener Anpassung an die Kultur der Umwelt. Konnte es doch bereits im 17. Jahrhundert in Worms Vorkommen, daß jüdische Kinder die deutsche Stadtschule besuchten und dies ohne Hindernis von jüdischer wie von christlicher Seite tun durften14). Das auffälligste Beispiel für eine als notwendig erkannte Angleichung an die Anschauungen der Umwelt, das diese rheinischen Gemeinden gaben, darf, gleichermaßen wie die Wormser Synagoge, sein 900jähriges Jubiläum feiern. Es sind das die unter Führung von R. Gerschom aus Mainz von den Rabbinern dieser Gemeinden gefaßten einschneidenden Aenderungen im Ehewesen: das Verbot der Polygamie und die Reformierung der Ehescheidung, Beschlüsse, die wohl mit dem sittlichen Geiste der Bibel durchaus sich deckten, aber doch einen Bruch mit den bisher im Judentum herrschenden orientalischen Anschauungen zugunsten der andersartigen Welt bedeuteten, in der man lebte. Die Beschlüsse waren zunächst nur für die drei Gemeinden gefaßt, wurden alsdann von der gesamten rheinisch-französischen Gruppe angenommen und gewannen allmählich für das gesamte Judentum die verbindliche Kraft, die sie noch heute besitzen15). Solcher Geist, der in den rheinischen Gemeinden lebendig blieb, macht es begreiflich, daß hier der Einfluß der aus dem Osten nach Deutschland zuruckwandernden oder wegen ihres hervorragenden Wissens herberufenen polnischen Gelehrten auf weit stärkeren Widerstand stieß als anderswo. Nicht bloß im Volke, sondern auch bei den einheimischen Gelehrten selbst, die vor allem von der pilpulistischen Art, mit der die talmudische und religionsgesetzliche Wissenschaft von jenen übertrieben winde, nichts wissen wollten. Die deutschen Gelehrten, die in früher und späterer Zeit die rheinischen Schulen zur Blüte brachten, sind allesamt Männer der exakten, sachlichen und gewissenhaften Forschung. Die Werke, die sie schaffen, sind frei von jeder 12) Näheres bei Epstein, Die Wormser Minhagbücher (in: Gedenkbuch für David Kaufmann, S. 288 ff.). 1S) Zunz, Zur Gesch. u. Liter., S. 174. 14) H. Schultze, Geschichte der Familie Wallich (in: MGWJ 49, 1905, S. 188). 15) Vgl. Rosenthal, Einiges über die Tekanoth d. R. Gerschom b. Jehuda (in: Jubelschrift zum 70. Geburtstag des Dr. Israel Hildesheimer, S. 43 ff.). 103