Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 3)
- Language
- German
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Max Freudenthal. Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr werden dürfe4). Das grauenhafte Jahr 1349 machte freilich unter den Blutopfern keinen Unterschied; in den Märtyrerlisten von Worms finden sich ebenso gut Franzosen wie Deutsche, die Gattin des gelehrten Franzosen R. Isaak trägt sogar den französischen Namen Joie5). Ganz ablehnend verhielt sich die Gemeinde gegen die Einflüsse von Osten her. Wohl strömte von Worms aus bedeutsamer Einfluß nach dem Osten hin; denn so mancher der dort wirkenden Gelehrten war durch die Wormser Talmudschulen hindurchgegangen, und auch Wormser Sprößlinge selbst trugen den Ruhm der Heimat in jene Gegenden. Nicht etwa nur, daß in Wien Samson Wertheimer und in Prag David Oppenheimer als Rabbiner an der Spitze dieser angesehenen Gemeinden standen; selbst in Polen, das allmählich der Hauptsitz jüdischer Talmudgelehrsamkeit geworden war, brachten es Gelehrte aus Worms zu hohen Ehren. So ist z. B. der erste, der aus dem Ehmkel der Gelehrtengeschichte der großen Gemeinde Lemberg ans Tageslicht tritt, R. Kalman aus Worms, der 1518 bis 1560 als Oberrabbiner dort wirkte und sowohl ob seiner Gelehrsamkeit als ob seines lauteren Charakters allgemein geachtet war; sogar seine Grabschrift hebt noch einmal ausdrücklich und wohl mit Absicht h.ervor, daß er nie nach irdischem Mammon gestrebt habe6). Sein Schwiegersohn Elieser, Sohn des Manoach, aus Worms, galt gleichfalls dort als großer Gelehrter7). In der nicht minder angesehenen Gemeinde Posen lehrte tun 1580 R. Eleasar See aus Worms8). Auch unter den Rabbinen der Wormser Gemeinde findet sich der eine und andere, der aus dem Osten zu ihr kam. Aber es ist bezeichnend genug, daß die meisten von ihnen nach kurzer Amtierung wieder ihres Weges gingen, ein Wechsel, den man selbst bis in die Rabbinerreihe des letzten Jahrhunderts hinein verfolgen kann. Wer aus dem Osten kam, galt nun einmal im Volksmunde als „Pollak“, und dieser Begriff überschritt allmählich die geographischen Grenzen und deckte sich zuletzt fast mit allem, was auch innerhalb Deutschlands selber aus den Gebieten des polnischen Ritus stammte, der bereits jenseits der Elbe begann. Ihren deutschen Ritus hatten die rheinischen Gemeinden schon sehr frühzeitig ausgebildet, im Gegensatz sogar zu den Gemeinden am Limes, der von der Donau aus durch Bayern führte, woselbst der italienische Ritus lange verblieb9). Selbst die Tonart des gottesdienstlichen Ritus war bereits im Mittelalter hier eine ganz andere geworden10). An diesem Ritus hingen die Gemeinden mit aller Zähigkeit, und die Wormser verwahrten sich vor allem gegen Eingriffe, die von den aus dem Osten stammenden Rabbinern vorgenommen wurden11). Worms hatte sich außerdem innerhalb dieser rheinischen 4) Die Familie Walch (cLi. Wallich), Drifzahn (d. i. Treves) und Kriechheim (d. i. m. E. Kirchheim). Näheres über den Wormser Judenrat und diese Namen s. bei Epstein in MGWJ 46 (1902), S. 157 ff. Epstein glaubt, der Name Kirchheim sei später ausgelassen worden, weil die Familie ausgestorben war; ich bin gegenteiliger Ansicht, daß die Auslassung mit Rücksicht auf die noch vorhandene Familie erfolgte, die wohl auch zuerst aus dem Elsaß zugewandert, aber offenbar eine rein deutsche Familie war. Juspa Schammasch bezeichnet ausdrücklich alle drei Familien als Elsässer. 5) Salfeld, Das Martyrologium des Nürnberger Memorbuchs, S. 73 ff. 6) Dembitzer, Klilath Jofi, S. 34ff.; Buber, Ansche Schern, No. 498. 7) Das. und Cohen Zedek, Schern u. Scheerith, Krakau 1895, S. 25. 8) David Kaufmann, R. Jair Chajim Bacharach und seine Ahnen, Trier 1894, S. 13. 9) Eckstein, Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstbistum Bamberg, S. 3. 10) Ackermann, Der synagogale Gesang, in Winter u. Wünsche, die jüd. Liter. III, S. 509. 1X) Vgl. Kaufmann a. a. O., S. 31. 102