Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 2)
- Language
- German
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Max Freudenthal. Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr dieser druckenden Last möglichst wieder ledig werden wollte1). An der letzten dieser furchtbaren Verwüstungen, der berüchtigten Mordbrennerei in der Pfalz durch die Franzosen, die am Pfingstdienstag 1689 die ganze Stadt in Flammen setzten, war er freilich unschuldig, und hier regte sich denn auch der Wunsch, den Flüchtigen die Heimkehr zu versagen. Abraham Oppenheim zur Kanne setzte jedoch durch den Einfluß seines Bruders, des kaiserlichen Oberhoffaktors Samuel Oppenheimer in Wien, die Wiederbesiedlung der Judengassen durch die Geflüchteten durch2) und richtete so nicht bloß die Synagoge, sondern auch die Gemeinde auf dem alten Grundstock wieder auf. In allen Fällen aber waren auch die neuen Zuwanderer, wie die Namen in den Memorbüchem erweisen, überwiegend deutsche Juden, aus den größeren und kleineren deutschen Gemeinden ringsum sich zusammenfindend, zu denen in den Zeiten des Mittelalters noch Juden aus dem Westen, vor allem aus Frankreich stießen3), die aber selber wieder gleich den deutschen Juden aus jahrhundertealten Siedlungen auf germanisch-romanischem Boden stammten. Das stolze Wort Gabriel Rießers „Wir sind nicht eingewandert, wir sind eingeboren“, hat für die uralten rheinischen Gemeinden — man kann Worms nie ohne Zusammenhang mit Mainz und Speyer nennen — sowie für ihre süddeutschen und westdeutschen Ausstrahlungen unbestreitbare Gültigkeit und wird in unseren Tagen durch das Zeugnis dieses 900jährigen Synagogenjubiläums zu einem besonders lebendigen Gedanken der Aufrichtung. Aus solcher bewußten starken Verbundenheit mit dem deutschen Boden entwickelte sich schon sehr früh in Worms eine ebenso bewußte starke Ablehnung nichtdeutscher Einflüsse. Nach dem Westen zu konnte sie nicht solchen Umfang annehmen. Die Handelsbeziehungen gingen am stärksten dorthin, die Umgangssprache war mit die französische. Dies entsprach auch der Haltung der nichtjüdischen Bevölkerung, in deren Sprachschatz sich noch heute französische Worte finden, so wie viele Worte, die als jüdisches Sprachgut gelten und als solches noch immer im Gebrauche sind, in Wahrheit aus der französischen Sprache stammen. An der Spitze der Wormser Gemeinde standen zudem als erste unter den berühmt gewordenen Gelehrten die „Weisen Lothringens“, und gerne zehrte die Gemeinde schon im Mittelalter von dem Ruhme des Franzosen Raschi, der als Schüler in ihren Mauern geweilt und dort nicht bloß sein immenses Wissen, sondern auch die ganze Eigenart seiner Gelehrsamkeit und Denkrichtung empfangen hatte. Trotz alledem enthält bereits die erste öffentliche Organisation der Gemeinde, das in Vereinbarung mit dem Bischof und dem Domkapitel 1312 entworfene Statut über die Einsetzung eines zwölfgliedrigen Judenrates, die Bestimmung, daß aus gewissen westländischen Familien niemand in diesen Judenrat gewählt x) Heinrich Boos, Geschichte der rhein. Städtekultur II, S. 130. 2) Lewysohn in MGWJ (Monatsschr. f. Gesch. u. Wissensch. d. Judent.) 7 (1857), S. 361 ff. 3) Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in. Frankreich und Deutschland, Wien 1880, S. 114. 101