Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2259275-2259298-2259301-2261872--150-2261920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Eigenart der Wormser Gemeinde in ihrer geschichtlichen Wiederkehr Von Max Freudenthal Der Geschichtsforscher, der in irgendeiner Weise persönlich mit einer historischen Stätte verbunden ist — wie ich mit Worms, woselbst ich meine Gymnasialzeit verbrachte und seit diesen langen Jahren dauernder Bindungen der Liebe und Freundschaft mich rühmen darf —, empfindet die Vergangenheit, die an einer solchen Stätte haftet, in ganz anderer Weise als derjenige, der nur von ferne her ihrer Geschichte nachgeht, oder gar als der zufällige Besucher, der für einige Augenblicke geschichtliche Erinnerungen auf sich wirken läßt. Es ist mehr als der Zauber des Augenblicks, der jenen ergreift, so oft er eine solche Stätte betritt oder ihrer auch nur in der Ferne gedenkt; er hat vielmehr das Gefühl, als ob das ganze Leben, das sich in solchen Gassen abspielt und dem er selbst einmal verflochten war, trotz allen Abstands zwischen einst und jetzt ein Spiegelbild der Vergangenheit ist und erst aus ihrer Betrachtung heraus klar und begreiflich wird. Wenn er mit solchem Gefühl dann einmal, sobald sich ihm — wie mir jetzt — willkommene Gelegenheit bietet, an die Erforschung der Tatsachen herangeht, merkt er, daß jenes nicht trügerisch war, daß in der Tat zahlreiche Spiegelungen vorhanden sind, daß vor allem im Wesen und Charakter einer Gemeinschaft eine bestimmte Eigenart immer wiederkehrt, selbst wenn die lückenlose Abfolge der Geschlechter nicht besteht oder wenigstens nicht mit voller Sicherheit nachgewiesen werden kann. Es kann natürlich nicht erwiesen werden, daß von den Pamilien, die Zeugen der Aufrichtung der Wormser Synagoge vor 900 Jahren gewesen sind, Nachkommen heute noch in Worms seßhaft seien. Andererseits ist es durchaus wahrscheinlich, daß nach den großen und furchtbaren Verfolgungen, Zerstörungen und Zerstreuungen, die im Mittelalter und Nachmittelalter über die Wormser Gemeinde hereinbrachen, manche von den Familien, denen es doch geglückt war, rechtzeitig dem Morden und Plündern zu entgehen, wenn Ruhe eingetreten war, an die alte Heimatsstätte zurückkehrten und den Wiederaufbau der Gemeinde leiteten. Zuletzt hatte der Rat der Stadt selber ein Interesse an ihrer Rückkehr, da er sich mit der anbefohlenen Austreibung der Juden auch deren Schulden an die Bürger aufgeladen hatte und 100