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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 188

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 188 (sequence 214)
Language
German
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IRI
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Abschaffung des zweiten Feiertagfes, naturgemäß viel heftige Kämpfe seitens der Orthodoxen. Geiger lebte in stetem Kampfe, dessen selbst er, der den Kampf eigentlich liebte, müde zu werden schien. Er sehnte sich von Breslau weg. Als Samuel Holdheim am 22. August 1860 starb, wandte sich die Reformgemeinde zu Berlin abermals an Geiger und trag ihm die Stelle eines Predigers an. Aber Geiger bekundete bei der Trauerrede, die er an der Bahre Holdheims hielt und bei der Predigt am nächsten Sonntag (26. August) im Reform-Tempel anläßlich der für Holdheim veranstalteten Trauerfeier, daß er in der Reform gar nicht so weit gehen wollte. Er betonte die Notwendigkeit des geschichtlichen Zusammenhanges in der Entwicklung des Judentums, insbesondere die Aufrechterhaltung des Sabbaths („Briefe", pag. 276). Ebenso weigerte er sich an dem Sonntagsgottesdienst teilzunehmen; er hielt bloß die Predigt, wobei er den Kopf bedeckte (ibidem). Geiger lehnte daher den dringenden Ruf ab. Ihm widerstrebte es hauptsächlich, an der Spitze einer separierten Gemeinde zu stehen; was im Judentum reformatorisch durchgeführt werden sollte, mußte nach seiner Meinung vom Ganzen ausgehen (ibidem, pag. 251). Bald darauf erhielt Geiger einen Ruf als Rabbiner nach seiner Vaterstadt Frankfurt. Die Umstände dieser Berufung waren etwas peinlicher Natur. In Frankfurt war ein Streit zwischen dem Gemeindevorstand und dem Rabbiner (Leopold Stein) ausgebrochen, der zur Amtsentsetzung dieses Rabbiners führte. Geiger riet dem ihm befreundeten Kollegen nachzugeben; tat dies später noch nachdrücklicher, als ihm die Stelle eines Rabbiners in Frankfurt angeboten worden war. Aber Stein gab nicht nach, und es machte trotzdem einen peinlichen Eindruck, daß Geiger die Stelle annahm, wodurch die Wiedereinsetzung Steins in sein Amt, die von seinen Freunden angestrebt war, für immer unmöglich wurde. Im August 1863 trat er in Frankfurt das Amt eines Rabbiners an, wo er sich bald sehr enttäuscht fühlte. Ein merkwürdiger Zufall wollte es, daß er dort seinen Jugendfreund S. R. Hirsch als Rabbiner der orthodoxen Separatgemeinde und L. Stein als Rabbiner einer liberalen Separatgemeinde antraf und so mit ihnen in einer Stadt amtlich wirkte. Unter diesen Kämpfen gab Geiger seine wissenschaftliche Tätigkeit nicht auf. Sein Buch „Die Urschrift" hat er stets als sein Lebenswerk betrachtet und arbeitete später an dessen Ergänzung, welche in der Folge nur hebräisch erschien. Geiger hat auch in Breslau und später in Frankfurt sehr geistvolle Vorträge über die Entwicklung der jüdischen Geschichte gehalten, die dann unter dem Titel „Das Judentum und seine Geschichte" (3 Bände) gedruckt erschienen. Diese Vorträge bieten eine Fülle von anregenden Gedanken über das Judentum in seiner geschichtlichen Entwicklung. Kurz vor seinem Abgang von Breslau gründete er die Quartalschrift „Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben", die er bis zu seinem Tode unermüdlich herausgab; das meiste daran hat er selbst geschrieben. In dem Namen der Zeitschrift lag ein Programm. Nicht trockene Gelehrsamkeit wollte er bieten; von einer solchen erwartete er kein Heil für das Judentum. Die Wissenschaft sollte dem Leben dienen, in diesem Falle dem religiösen Leben. Geiger hat erkannt, 188

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