Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 213)
- Language
- German
- Belongs to
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der deutsch-französischen Juden mit gewichtigen Gründen entgegentrat. Geiger wies nach, was die nordfranzösischen Juden auf dem Gebiete der Bibelexegese geleistet hatten. Auf demselben Gebiete bewegte sich auch eine zweite Arbeit Geigers: „Parschandata", die 1856 erschienen ist. Zwischen diesen Arbeiten liegt eine gediegene Abhandlung über Maimonides („Moses ben Maimon") aus dem Jahre 1850, die Schrift „Juda ha Lewy" (1851), „Isak Troki" im Jahre 1853, „Jüdische Dichtungen der spanischen Schule" (1856) und „Leon da Modena" (1856). Dieser italienische Rabbiner aus dem XVII. Jahrhundert, der erste rabbinische radikale Kämpfer gegen den Talmud, interessierte naturgemäß Geiger sehr. Außerdem veröffentlichte er noch mehrere gelehrte Arbeiten in Zeitschriften. Im Jahre 1857 trat Geiger mit einer epochemachenden Arbeit hervor: „Urschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums". Dieses inhaltsreiche Werk hat bis auf den heutigen Tag seinen hervorragenden Platz in der Wissenschaft des Judentums behauptet. Ohne Zweifel ist es nicht frei von einer Tendenz, und zwar von dem Bestreben, die Reform des Judentums, wie sie Geiger anstrebt, als geschichtlich berechtigt nachzuweisen. Aber auch von dieser Tendenz ganz unabhängig bietet das Buch eine Fülle von lichtvollen Forschungen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Religionsgeschichte. Bahnbrechend war seine Auffassung von dem Kampf der Sadduzäer und Pharisäer, die seitdem von den meisten Historikern akzeptiert wurde; ferner seine Darstellung der Entwicklung der „Halacha", das heißt des nachbiblischen Judentums bis zum Abschluß der Mischna. Ebenso hat Geiger in diesem Buch hell den geschichtlichen Hintergrund und die politische Parteistellung der beiden ersten Makkabäerbücher beleuchtet. Geiger hat durch diese Untersuchung in eine früher dunkel gewesene geschichtliche Epoche des Judentums hineingeleuchtet, gleichviel ob man alle Ergebnisse seiner Forschung akzeptiert oder nicht. Außer diesen Hauptzügen des Buches ist da noch eine Reihe von nebensächlichen Forschungen, die ebenfalls von großer Wichtigkeit sind. Hingegen ist nicht zu leugnen, daß Geiger in diesem Buche auch manche gewagte und haltlose Hypothesen aufstellt, die selbst vom Standpunkt der freiesten Kritik nicht zu verteidigen sind. Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das größte Aufsehen. Die Bibelkritik war damals auch in den Kreisen der protestantischen Theologen noch nicht so weit gegangen wie in der letzten Zeit. Von einem Rabbiner ist solches bis dahin gewiß nicht geschrieben und veröffentlicht worden. Geiger ging vornehmlich vom Standpunkt aus, daß der Parteistreit im jüdischen Volk, zuerst zwischen den Nationalisten und den Samaritanern (im Zeitalter Esras und Nehemias) und später zwischen der priesterlichen Aristokratie und dem demokratischen Bürgertum, auch auf die Fassung und den Wortlaut der Thora abgefärbt hätte. Die Opposition gegen dieses Buch war am größten unter den konservativen jüdischen Gelehrten und Rabbinern. Rapoport schrieb dagegen eine scharfe Kritik, die indessen erst nach seinem Tode erschienen ist („Nachlat Jehuda", 1868). Was die Stellung Geigers in Breslau betrifft, so erregten seine praktischen Reformen, so z. B. die is* 187