Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 215)
- Language
- German
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was indessen in der deutschen judenheit vor sich gegangen War: mit Ausnahme der „Fachleute", das heißt der Rabbiner, kümmerten sich nur noch sehr wenige um wissenschaftliche Erörterungen über das Judentum. Und diese wenigen gehörten der älteren Generation an, die von Tag zu Tag noch weniger wurden. Er schien zu ahnen, daß mit der Abnahme der Kenntnis des Judentums in der Gemeinde, im Publikum, bald auch die wissenschaftliche Qualifikation der jüdischen Theologen sinken werde. Und so wollte er diesem überhandnehmenden Übel entgegenwirken. Die „Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben" war geistvoll und lebendig gehalten, zumeist gleichzeitig gediegen wissenschaftlich und populär belehrend. Aber ein großes Publikum fand sie dennoch nicht. Da sich Geiger in Frankfurt unbehaglich fühlte, kam ihm die Berufung nach Berlin wohl sehr willkommen. Auf der ersten jüdischen Synode zu Leipzig (29. Juni 1869) erlebte es Geiger, daß zum ersten Präsidenten dieser Körperschaft ein Laie (M. Lazarus) gewählt wurde, während Geiger mit 25 Stimmen in relativer Mehrheit erster Vizepräsident wurde. Das Rabbinat hatte bereits viel von seinem Ansehen eingebüßt. Auf dieser Synode wurde wohl von M. Lazarus die Wahl Geigers zum Rabbiner von Berlin in Aussicht genommen. Nach heftigen Kämpfen in dieser Gemeinde (zuerst mußten durch Gemeindewahlen die konservativen Elemente aus der Verwaltung hinausgedrängt werden) wurde Geiger am 30. September 1869 in Berlin gewählt; er nahm die Wahl am 21. Oktober endgiltig an. Es wurde ihm dabei in Aussicht gestellt, daß in Berlin eine Anstalt für jüdische Theologie und Wissenschaft würde eröffnet werden, um ihm eine wissenschaftliche Lehrtätigkeit zu verschaffen. Geiger hatte es stets schmerzlich bedauert, daß er bei der Gründung des Rabbinerseminars in Breslau (1858) übergangen worden war. Jonas Fränkel, der diese Anstalt testamentarisch gestiftet hatte, gehörte zu der Partei Geigers; aber die Testamentsvollstrecker zogen es vor, die Anstalt im Sinne des gemäßigten Liberalismus ins Leben treten zu lassen. Nun sollte Geiger endlich Gelegenheit erhalten, die jüdische Theologie ganz freisinnig zu lehren, wie er es anfangs seiner öffentlichen Tätigkeit gefordert hatte. Von den wissenschaftlichen Arbeiten Geigers aus seiner Frankfurter Zeit ist auch sein Buch „Salomo ibn Gabirol" zu erwähnen. In Berlin fand Geiger seine Erwartungen ebenfalls nur zum geringen Teil erfüllt. Im Mai 1872 wurde die Hochschule (jetzt Lehranstalt) für die Wissenschaft des Judentums eröffnet, deren Gründung in der deutschen Judenheit nicht die erwartete Teilnahme fand. Geiger selbst lehrte da mit großem Eifer. Aus den in dieser Anstalt gehaltenen Vorlesungen sind seine Werke: „Einleitung in das Studium der jüdischen Theologie", „Allgemeine Einleitung in die Wissenschaft des Judentums", „Einleitung in die biblischen Schriften" und „Pirke Aboth" entstanden. Wenn auch Geiger im allgemeinen seinen reformatorischen Bestrebungen treu blieb (auf der zweiten Synode zu Augsburg im Jahre 1871 wurde er abermals zum ersten Vizepräsidenten mit großer Mehrheit gewählt), so trat doch in seiner Gesinnung eine gewisse Mäßigung ein. So erklärt er sich im Jahre 1860 gegen 3ie Verdrängung^ der hebräischen Sprache aus dem öffentlichen^ Gebet, von dem Standpunkt ausgehend, daß dadurch ein 189