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Jüdischer Almanach · 1910-01-01 · 5670/1910 · p. Seite 83

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5670/1910
Date
1910-01-01
Page
Seite 83 (sequence 95)
Language
German
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Philosophierenden, sagte: (Lezioni di telogia dogmatica israelitica 1864, Einleitung): „Nie haben unsere Weisen daran gedacht, ein Symbol, ein Glaubensbekenntnis aufzustellen". Und sie haben schlecht getan. Es schien ihnen alles so furchtbar einfach, wie z. B. dem Maimüni, dem die „Einheit" in der Vernunft selbst begründet zu sein schien. Aber mit dem Satze: „Gott ist einzig", ist nicht viel gesagt. So lange dem Prinzipe der Einheit die Prinzipe der Vielheit entgegenstanden, konnte die Grundlehre des Judentums als Stempel des Juden dienen, als Wahrheit, für die er lebte. Gegen die Dreieinigkeit die Einheit, gegen die Mensch-Gottheit die reine absolut geistige Gottheit. Aber das Prinzip ist ja bloß ein negatives. Sobald man aus diesem Grundsatze weiteres ableiten wollte, bäumte sich das offizielle Judentum auf. Was wollte z. B. Spinoza? Aus dem Satze „Gott ist einzig" wollte er die Welt ableiten. Eine Welt, die aus „Modi" besteht, die alle in einer Substanz aufgehen, eine Welt, in der die natura naturans und natura naturata, Schöpfung und Schöpfer eins sind. Es war eine Aufhebung des alten Judentums, eine Leugnung des persönlichen Gottes, nicht Gottes schlechthin. Das ganze Gefüge des nachexilischen Judentums, das aus der Religion eine nationale Sache, eine Schutzwehr gegen die Außenwelt zu machen bestrebt war, war durch den Gedanken Spinozas gestört. Und es war naturgemäß, daß das offizielle Judentum sich von ihm lossagte. Erstaunlich ist es aber, daß der Gedanke Spinozas, der in der kabbalistischen Denkweise seine Prämissen hatte, kein weiteres Echo innerhalb des Judentums fand. Mit einem Anathema Maranatha eine Ideenwelt abschütteln, die berufen war, das Fundament einer neuen Religion zu werden, ist antievolutionistisch wie nur möglich. Kant und Hegel wurden ja z. B. auch nicht von der protestantischen Kirche offiziell anerkannt, denn die Grundelemente der Philosophie dieser sturmlaufenden Denker waren umstürzlerisch. Aber die Methode und die Weltanschauung der Philosophen wirkten nachhaltig, wenn auch nur mittelbar, auf die theologischen Lehren, brachten eine Erweiterung des Religionsgedanken mit sich. Unsere Theologie aber sieht gar nichts. Theologie? Haben wir denn welche? Haben wir überhaupt Männer des religiösen Gedankens, die sich der Idee des Judentums bewußt sind, die sie nicht nur „verteidigen" als eine Tradition, sondern aus einer ganz ausgebildeten inneren Welt heraus? Wo ist ein einziger neuer Gedanke, den unsere westlichen Theologen schufen — von den östlichen ist ja gar nicht zu reden, sie sind ja meistens nur Gesetzeskenner und nichts weiter, sie verstehen nicht einmal, daß außerhalb der Welt der rituellen und kulturellen Fragen etwas einem religiösen Gedanken ähnliches existiere — ich sage, was haben alle die Herren von der „Wissenschaft des Judentums", Geiger und Holdheim und alle die anderen, bis auf die heutigen Reformer, im Bereiche der jüdischen Religionsphilosophie geleistet? Sie haben sich nur an Äußerlichkeiten gehalten, dabei aber den seltsamen, so archaistisch fossilen Gedanken der „Mission" aufgestellt. Mission — wohlan. Aber was sollen wir in die Welt tragen? Welches neue Wort haben wir ihr zu sagen? Ja — den Gottesgedanken, den Monotheismus. Aber die Welt ist über unseren Gottesgedanken zur Ordnung übergegangen. Was wir Monotheismus nennen, ist für die Welt des Monismus kein Fortschritt, keine Entwicklung mehr. Wenn wir also-zur Welt kommen mit unserem Worte, so ist es die Ethik und der Einheitsgedanke. Aber ich fürchte, beides ist nicht mit der Zeit in Einklang zu bringen. Darmstetter hat einmal gesagt: „Die Religion des zwanzigsten Jahrhunderts wird aus der Vereinigung der Wissenschaft und des Prophetismus hervorgehen." Aber das ist eine echt theologische Vertuschung der Gegensätze, eine unbewußte Untergrabung des ganzen Judaismus. „Wissenschaft und Prophetismus " zusammen sollen eine Religion ergeben! So kann nur ein Rationalist denken, wie es z. B. Maimüni einmal war. Was wollte denn Maimonides anderes als gerade „Wissenschaft und Tradition" addieren und dadurch den Mosaismus begründen? Für ihn war „Wissenschaft" der Aristotelismus, für den Zeitgenossen Comtess Darmstetter ist es Laplace und Biot, für Maimüni hieß es „Tradition", bei Darmstetter „Prophetismus". Zwei Worte — ein Begriff. Was ist denn Prophetismus? Wenn man soviel davon spricht, — und auch Hermann Cohen spricht mit einer solchen Emphase davon — meint man ja doch nur einige Propheten, nicht 83

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