Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 96)
- Language
- German
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alle. Sagen wir etwa den Deuterojesaias, Micha, Hosea, Arnos u. s. w. Denn die anderen haben eine große Bedeutung als Nationalpropheten, aber nicht an und für sich und für die ganze Welt. Aber lehrten denn die Propheten die höchst denkbare Moral, das letzte Wort der Ethik? Welche ist die Moral der Propheten? Micha sagt es uns: „Recht tun, Milde lieben, still wandeln vor Gott" — und Deutorojesaias predigt mit einer Macht des subjektiven Glaubens, mit einer ungeheuren wuchtigen Lyrik, die wie ein Sturm dahinbraust und an die Pfosten des Weltalls zu greifen scheint, mit einem Pathos, .der das höchste, ureigenste Kulturgut der Juden, des größten seelischen Elements, das sie dem Weltbewußtsein einverleibt haben, von dem Willen Gottes, dem „Heiligen Israels". Und wie er zu drohen und zu schmeicheln versteht! Einmal macht er eine finstere Miene: „Alle Völker sind nichtig ihm gegenüber. Am Umkreis der Erde ist sein Sitz und der Erde Bewohner sind ihm wie Heuschrecken. Er haucht sie an und sie verdorren und werden wie Spreu vom Sturm geschleudert und..." Dann schmeichelt er sich wieder sanft ein und spricht seine sittliche Mahnung noch ausdrücklicher, noch schärfer aus. Die Töne des unbändigen, machtvollen, sittlichen Empfindens klingen wie Drommeten über Jahrtausende hinweg, erwecken in uns den Wiederhall dieses ethischen Pathos, dieser allgewaltigen Stimmung. Wir bewundern die Seele des Propheten, wir stehen aber dieser prophetischen Erscheinung halb verständnislos gegenüber. Wenn wir nämlich den Pathos in Gedanken übersetzen wollen, wenn wir den positivem Kern der Predigt der Propheten suchen, den Kern zu einer ganzen Lebensführung, die unser Verhältnis zu uns und zur Mitwelt regeln sollte, aufspüren wollen, was finden wir da? Das Prinzip der Gerechtigkeit, des Guttuns, der Liebe zu Gott. Aber das ist ein oberstes Dogma, ein so allgemeines Postulat, daß es keine Ethik ausfüllen kann. In keiner Religion fehlt das Prinzip, auch dort nicht, wo es keine ausgearbeitete, durchgeführte Lebensanschauung gab. Gerechtigkeit, was heißt es? Wo ist die Norm der Gerechtigkeit? Werden nicht gerade im Namen der Gerechtigkeit die größten Grausamkeiten begangen? Summum 84 jus, summa injuria! „Gerechtigkeit!" bemerkte ätzend und höhnend Pascal, „was diesseits der Pyrenäen Gerechtigkeit ist — ist jenseits der Pyrenäen eine Ungerechtigkeit". Wo ist das fruchtbare Prinzip der prophetischen Lehre der Gerechtigkeit? Wo ist das kulturfördernde Element der Moral des Judentums? Die Gerechtigkeit im antiken Sinne war die Gerechtigkeit der Vergeltung. Wie du mir, so ich dir. Das ist die Grundlage des tatsächlichen Geschehens, des Zusammenlebens, des Kodex, aber nicht der Moral, der Idealsittlichkeit. Das Prinzip der Gerechtigkeit bei den Propheten ist im Grunde steril. „Aber es ist sozial!" Die Propheten haben am eindringlichsten das Recht der Armen verteidigt. Gut, aber nicht das Unrecht der Armut gepredigt. Keiner hat das mosaische „denn nie wird die Armut auf Erden aufhören" umgestürzt. Gegen Unrecht wettern, ohne das Unrecht an der Wurzel zu packen, Milde predigen, die Grundlage der Ungerechtigkeit aber intakt lassen — das ist von hoher subjektiv sittlicher Wertung, aber läßt sich nicht in objektive moralische Werte übertragen. Die Propheten haben auch die Gotteserkenntnis, die Metaphysik nicht gefördert. Schauen wir uns alle Attribute Gottes an, die die Propheten ihm beilegen, und wir finden immer und immer wieder die uralte jahvistische Vorstellung von Gott, dem Schöpfer, dem Herrn, dem „Ersten und dem Letzten". Diese Selbstkonzentrierung, auf einen einzigen Gedanken gerichtetes Denken war staunenerregend. Und wenn wir, die die Religion aller Völker mit kritischem, vorurteilsfreiem Blick betrachten können, diese sich begrenzende und in dieser Begrenzung machtvolle Formel des Gotteswissens „Ich bin der Erste und bin der Letzte", die in ihrer höchsten Steigerung im „offenbarten Namen", die das Mysterium der Eingeweihten war, das reine, unendlich steile Attribut des „Seienden" offenbarte, mit dem ungeheuren Reichtum der indischen Gottesattribute vergleichen (ich zitiere nur einige aus dem Mokshadarma, einen Teil der Mahabarata, nach der Übersetzung von Deussen), „Verehrung sei Dir, o Gott der Götter, Werkloser ..., Weltauge . . ., Unendlicher . . ., Urstoff . . „ Unsterblicher . . ., Unsterblichkeitsheißender, Un-