Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5670/1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 94)
- Language
- German
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Tradition, und sagte: „Wir müssen freilich zugeben, daß sie (d. h. die Satzungen der praktischen Religion) ewig sind . * ." Wenn wir aber, die wir an den Historizismus nicht glauben, die gelernt haben, vor keiner Konsequenz zurückzuschrecken, an diese Frage herantreten, so können wir das „freilich" durchaus nicht hinnehmen. Für uns ist es gar nicht „freilich", wir sind gar nicht gezwungen, die Ewigkeit dieser Satzungen anzunehmen. Und tun es auch nicht. Eine Zeremonie, die Selbstzweck geworden ist, ist nicht mehr im Bereich der Religion. „Die Leute machen das Betbuch zum Selbstzweck", sagte einmal der witzige deutsche Denker Lichtenberg. Und das ist das Schicksal der jüdischen Religiosität. . . Ich will hier nicht Kritik an dem jüdischen Ritual üben. Gut oder schlecht, angemessen oder nicht angemessen, akzeptabel oder nicht — ich konstatiere bloß, daß das jüdische Ritual jetzt totes Inventar ist. In der Zeit, wo man noch an die Schaffung von Kodizes, vom Schulchan-Aruch, von neuen — ob erschwerenden oder erleichternden — Gesetzen gedacht hat, da war auch das ganze Ritual — von seinem inneren Werte ganz abgesehen — auch eine Ingredienz des Lebens und darum auch ein Faktor des Judentums. Heute ist es aus. Käme heute ein neues Synhedrion und wollte es heute einen neuen Schulchan- Aruch schaffen, es würde einem verständnislosen Achselzucken unter den Juden begegnen. Heute würde kaum ein Jude für eine rituelle Satzung in das Feuer gehen. Und das ist eben die Tragik des modernen Judentums. Die Geschlechter vor uns wußten, wofür sie litten, wußten, daß sie für die „Heiligung des Namens" leben und sterben. Heute ist sogar der Begriff verschwunden. Heute leidet der Jude nicht, weil er am Judentum hängt, sondern: trotzdem er daran nicht hängt. Aber wir müssen noch weiter greifen, die Axt der Kritik an die Wurzel selbst legen. Ist das praktische Judentum ein Skelet, lebt noch das eigentlich Religiöse, die tiefe Grundidee, die Weltanschauung, die Gottesanschauung? Hat sich die Form geändert, lebt noch der Inhalt fort? Gerade diese ewigen Wahrheiten, die nach Mendelssohns Ansicht im Judentum nicht geboten werden, interessieren uns am lebhaftesten. Gerade auf die Frage, auf die das Judentum keine Antwort zu 82 erteilen weiß, fordern wir Antwort. Was wir jetzt von einer Religion verlangen, ist, daß sie uns auf die ewigen Fragen, die der agnostische Gedanke offen läßt, eine mehr oder weniger befriedigende ganze Antwort gibt, eine Dichtung, in der wir. träumen könnten. Mit der äußeren Welt, mit der Welt der Erscheinungen können wir auch ohne Religion auskommen. Unsere rechtlichen Begriffe können wir ebenfalls mit den überlieferten nicht zur Deckung bringen. Wir könnten Schritt für Schritt die soziologischen und rechtlichen Begriffe des Judaismus analysieren, um ihre Inkongruenz mit den modernen nachzuweisen. Lazarus und alle anderen Apologeten des Judaismus betonen die Tatsache, daß das Judentum eine autonome Moral predigt. Aber die Worte der Bibel: „auf daß Euer Leben lange dauert" sind nicht aus der Welt zu schaffen. In diesem „auf daß" liegt der Scheidepunkt. Nicht „damit", sondern „weil". Darin ist der Unterschied zwischen der heteronomen und autonomen Moral, zwischen der neuen und alten Weltanschauung. Nietzsche sagte auch „damit", aber sein „damit" war ein ganz anderes. Lebe nach dem Gesetze deines „Ich", damit du dich und die Menschheit weiter förderst. Wenn aber Lazarus (Ethik des Judentums) erklärt, daß die jüdische Moral deshalb autonom sei, weil es geschrieben steht: „Seid heilig, weil ich heilig bin", so ist es auch nach der Deutung — Gott sittliche Weltordnung — keine autonome Moral in unserem Sinne. Und wenn wir fragen: Wo ist der Sinn des Heiligseins, wo ist der Nexus zwischen Sittlichkeit und Weltordnung, welche Antwort erteilt uns dann das Judentum? Die Kabbala hat durch ihre Lehre derTranszendentalität der Moral und des mystischen Zusammenhanges zwischen Mensch und Welt, der „schechina", des indischen Atmans, eine Antwort zu geben versucht, aber ihre Lehre ist okkult geblieben, drang nicht ins Bewußtsein, ist nicht ein Bestandteil des Judentums geworden. Denn mit vollem Rechte haben die Gegner der Kabbala, die Hüter des Judaismus erkannt, daß Kabbala die Aufhebung des Judentums ist. Bleibt aber der letzte Grundbegriff des Judentums vor dem Geiste der Zeit bestehen? S. D. Luzzatto, auch einer der Apologisierenden und wenig