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Der Israelit · 1922-06-29 · Heft 26 (29.6.1922) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 26 (29.6.1922)
Date
1922-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Heile 4. fit. 26 SDet Israelit. und der Darwinismus im Verblassen begriffen ist, feiert die sogenannte Rassentheorie, die im Grunde genommen nichts als Heidentum ist, Selbstvergötterung der handfestesten Raffe, ihre Erfolge. Und es verband sich die moralische Zeitkrankheit mit der geistigen: Man behauptete nicht nur, daß Talmud und Schulchan Aruch eine Sünde wider das Blut, das edle Blut der nichtjüdischen Menschen seien. Ter Jude könne nicht einmal, durch die anderen Völker erzogen, civilisierr werden, da ihm s^in Blut daran hindere, anders als unmoralisch zu empfinden. Die Angriffe erfolgen oft in einer Form, die der Uneingeweihte nicht zu überprüfen vermag; es werden Sätze in der Ursprache, in hebräischen Lettern angeführt, die gar leicht verblüffen, um dann in einer für die Zwecke der Angreifer geschickt hergerichteten Uebersetzung dem Leier etwas darzubieten, was nicht im Texte enthalten ist. Die Apologetik für Talmud und Schulchan Aruch ist unabweisbare Pflicht. Sie ist notwendig nach außen und nach innen. Wie nach dem bekannten Sprichwort bei jeder Verleumdung immer etwas hängen bleibt, so bleibt doch auch ohne Zweifel recht oft auch von einer Richtigstellung, von einer Aufklärung etwas hängen. Es fehlt noch eine Systematisierung und eine Centralisierung der Apologetik für Talmud und Schulchan Aruch. Aus der Auffassung der Thora, daß der eine einzige Gott alle Menschen erschaffen hat, muß einerseits die Solidarität der Menschen und Völker als jüdischreligiöses Postulat logisch abgeleitet, auf der anderen Seite aber gleichzeitig das moralische Verhalten und das Betenntnis der Verpfiichtungskraft des Moralischen und des Rechts als das Merkmal inniger Zugehörigteit zur, auf Grund des moralischen Bekenntnisses (ru ’ja mso vav») solidarischen Menschengesellschaft aufgewiesen werden. Referent verweist auf die grundlegende Abwehrschrift Hoffman ns und die hauptsächlichen apologetischen Arbeiten voll jüdischer und nichtjudischer Seite. Er entwirft einen Tätig-- keitsplan für die apologetische Kommission. Hildesheimer teilt mit: Nach Berichten aus Amerika, die mir zügekvmmen sind, wird eine Kommission des „Joint" während des Sommers Mitteleuropa, d. h. Deutschland, Oesterreich, Ungarn und Tschechoslowakei bereisen, um festzuestllen, welche Institutionen unterstützungsbedürftig sind. Vermutlich werden von dieser Kommission gemeinsame Sitzungen mit den Vorständen der Organisnttonen abgehalten werden. Es empfiehlt sich, für diesen Zweck genaue Statistiken und Begründungen für den Bedarf vorzubereiten. Ter Joint ist nach Hildesheimers Erfahrungen nur dann gewillt, Unterstützung zu geben, wenn durchaus übersichtliche und nachprüfbare Unterlagen geboten werden. Er schlägt den Kollegen vor, schon jetzt die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen. Rosen thal-Cölu berichtet über die Cölner Friedhofsangelegenheit und erklärt unter allseitiger Zustimmung es für eine Ehrenpflicht der gesamten deutschen Judenheit, der Kölner Gemeinde die Umbettung der zahlreichen Gebeine, falls sie unvermeidlich werden sollte, zu erleichtern. Nach Erledigung einer größeren Reihe von Anregungen und Anträgen wurden die inhaltsreichen, insgesamt etwa siebzehnstündigen Verhandlungen geschlossen. Ein Teil der Kommissionen hat sofort ihre Arbeit begonnen. Der neue Vorstand hat sich ebenfalls sofort konstituiert, indem er zum Vorsitzenden Bondi-Mainz, zum Schriftführer Munk-Berlin und zum Kassierer Cohn-Breslau wählte. Es ist beabsichtigt, einen ausführlichen Bericht im Truck erscheinen zu lassen. Aus den Lebenserinnerungen eines jüdischen Politikers. HI. Der Kampf mit WoHttrrg Drei Tage nachdem der Reichsrat den Beschluß gefaßt hatte, der EhrenbelerdigungsUage des Prager Professors gegen mich freie Bahn zu geben, erhielt ich eine Vorladung vom k. k. Landesgericht. Sickinger leitete die Voruntersuchurrg. Ich bekannte mich als Verfasser der iirkriminierten Artikel, verzichtete auf das Recht des Einspruches gegen die Anklage und behielt mir vor, den Wahrheitsbeweis anzutreten. Nach geschlossenem Protokolle bemerkte der Untersuchungsrichter, es dürfte schwer fallen, für sämtliche in den Artikeln der „Morgenpost" gegen den Prager Professor erhobenen schwerwiegenden Anklagen vor den Geschworenen den Wahrheitsbeweis gerichtlich zu erbringen. Herr k. k. Landesgerichtsrat Sickinger war in den Schriften Rohlings bereits gut versiert, indessen hatte er schon im Laufe des weiteren Prozeßjganges Gelegenheit, seine Meinung über den Prager Professor, den Charakter seiner Gelehrsamkeit, den Wert seiner Eidesheteuerungen bedeutend zu modifizieren. Cs hat in Landesgerichtskreisen an Vorurteilen gegen die von nnr vertretene Sache nicht gefehlt, im Lause der ProzeUührung hingegen war ein gründlicher Umschwung eingetreten. Die Vertretung der Anklage übernahm Dr. Robert Pattai, der beste Redner und schärfste Jurist der antisemitischen Partei, der es später bis zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gebracht hat. Es war meine nächste und wichtigste Aufgabe, einen tüchtigen juristischen Beistand, einen verläßlichen Advokaten für mich zu wählen. Es hatten sich dazu einige jüngere, jüdische Juristen freiwillig erboten, sie wollten den Prozeß unentgeltlich führen. Von befreundeter Seite trat man an mich heran, Doktor Karl Lueger zu meinem Rechtsvertreter gegen Protrolle stand, gegen deren Uebergrtffe nur die „Stadlanim" mit ihrer überlegenen Bildung und Diplomatie aufkommen konnten. Wir erleben die Zeit der Eman. zipation und der Normalschulen, die Zeit Mendelssohns und ihre Anfechtungen, lernen hier Väter kennen, deren Enkel bereits zum Taufbecken schritten, lernen auf der anderen Seite auch die Stützen der Alten kennen, das Ghetto und die Gasse, die Chowra und Jeschtwa. die ihre Anlehnung sucht und findet an die großen Erzieher der damaligen Judenheit: Akiba Eger, Moses Sofer und Mordechai Benet. Und der Dichter wird dem Herausgeber und Ver. lasser besonders dankbar sein, daß er auch das Schicksal derer, die unbeachtet und einsam ihre Straße zogen in den Kreis seiner Betrachtungen zog, die Tragik so manchen EinzellebenS, wie es war und immer sein wird. Das über 700 Seiten starke Buch bietet soviel des Interessanten, Lesens- und Wissenswerten, daß es schwer fällt, Einzelheiten herauszugreifen, doch muß sich eine Rezension nvlens volen8 Beschränkung auferlegen. So möchten wir denn zunächst auf das S. 47—93 gegebene ausführliche Lebensbild des berühmten a"Ti» des Verfassers der in der R» sponsenlileraiur einen ersten Rang einnehmenden m nox jiianwn hin. weisen. Am Schlüsse dieser Darstellung gibt Wachsiein eine dankenswerte Aufzählung der Werke und Des. zendenz dieses Gelehrten, sowie ein Register der gelehrten Zeitgenossen, mit denen er in persönliche Berührung kam. Von den scharfsinnigen und blendenden Lösungen von Schwierigkeiten, die von WachsteinS Virtuosität ouf diesem Gebiete zeugen, sei Nr. 527 auf S. 174 als Beispiel angeführt. Nachdem er in Note 3 die Identität deS dort behandelten Arztes und Mohel Jacob b. Moses mit Jacob, dem Sohne Moses Rose aus . Koltn als unzweifelhaft feftgestellt i hat, findet er in einem von eben diesem Jacob herrührenden Eintrag in sein Mohelbuch eine Schwierigkeit, die seine Feststellung über den Haufen zu werfen droht. Ich lasse Wachstein selbst sprechen: „Dieser erste Eintrag lautet: Vw an Ja n"*i “p omax ara wä p"&b j"3pn j"3 pn nutn nann rana nix 'n av »rimai vno >"j nx .e>»xa Der Vater des Mohel heißt also Pinchas. Man würde wohl »3X vor anJB erwarten, aber immer» hin scheint sich x"x auf anJB zu beziehen. Die nächstfolgenden Einträge bis a"t> p"n, die vielleicht Aufklärung bringen könnten, fehlen. Das dem erwähnten Eintrag folgende Blatt beginnt mit Nr. 56. Besitzvermerk und Einträge sind jedoch von einer Hand, so daß man nicht zur Auskunft greifen kann, daß ein älteres Mohelbuch fortgesetzt wurde, zumal auch Nr. 183 dagegen spricht. Diese Schwierigkeit kann ich nur nach alter Manier durch ei re andere Schwierigkeit lösen; die unS ein Eintrag auf der letzten Seite bietet. Er lautet: 'a S-ij^ p -6\n »npna 'm? n"an »ja -inx av b’jb? a"’ p N'nva NX-I 'a tp"xa p"eh o"pn ax 'i n »w® 'jxi Diese Stelle ist rein unverständlich. Den Sinn gewinnt man, wenn man hv statt liest. Der 13jährige David hat sozusagen in der Armenklinik seine Versuche unter den Augen des Vaters unternommen.' Wie hier die grammatikalische Sünde den Text unverständlich macht, so beschenkt sie im ersten Eintrag den Mohel mit einem Vater Ptnchgtz, den er nicht besaß. Diese so scheinbar urkundlich bestätigte Vater- 39 Juni 192$ fessor Dr. August Rohling zu bestellen. Diesen Antrag überbrachte mir ein Herr Mols Lichtblau, ein langjähriger intimer politischer Freund Dr. Karl Luegers. Der spätere Antisemitensührer und Wiener Bürgermeister Lueger stand damals in der vordersten Reihe der Wiener Demokraten, zusammen mit Ferdinand Kronawetter, Gemeinderat Kreuzig und dem erwähnten Adolf Lichtblau. Sie alle schwuren damals zur Fahne des unvergeßlichen hochherzigen Führers Adolf Mschhof. Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde war damals der berühmte Parlamentarier Dr. J!gnaz Kuranda, einer der Führer der Deutsche- Liberalen, und dieser ließ mich ersuchen, ich möchte bei der Wahl des Advokaten mit Rücksicht darauf, daß die Schwurgerichtsverhandtung in Wien sich abspielen soll, seine Ratschläge berücksichtigen. Herr Wilhelm Ritter von Gutnrann bemühe sich, den führenden liberalen Abgeordneten Dr. Josef Kopp Kr die Vertretung zu gewinnen und wenn er annimmt, soll ich mich Kr seine Person entscheiden. In Erkenntnis der hohen Verantwortlichkeit eines Entschlusses in dieser Frage reiste ich nach Cmmersdorf bei KlagenKrt zu dem greisen Dr. Adolf Fischhof, um seinen Rat, betreffend die Wahl zwischen den mir angetragenen Advokaten, einzuholen. Fischhof sagte mir damals: „Ich warne Sie vor Dr. Karl Lueger! Er geht jetzt mit Ihnen, aber ich bin nicht sicher, daß er Sie nicht schließlich im Stiche läßt und vielleicht gar vor den Geschworenen in Gefahr bringt." So hat Adolf Fischhof die spätere Wandlung in der Gesinnung, in dem Charakter -und in der politischen Haltung Luegers vorausgesehen. Ich entschied mich somit Kr Dr. Kopp, falls es Wilhelm von Gutmann gelingt, ihn zur Uebernahme der Vertretung zu bestimmen. In den politischen Kreisen, deren Führer Dr. KoPP war, stand keine Jüdensache in besonderer Gunst. Man vermied gern zur „Judensrage" Stellung zu nehmen. Dr. Kopp war Reichs!- rats- und Landtagsabgeordneter, Jahrzehnte hindurch Mitglied des niederösterreichischen. Landesausschusses, befaßte sich mehr mit gesetzigeberischen Arbeiten als mit Parteipolitik. Er genoß ein unbestrittenes Ansehen, nie ist er um des Haares Breite seiner idealen Gesinnung untreu geworden. Wilhelm von Gutmann, erster Chef der Firma Gebrüder Gutmann, der in der mährischen Stadt Leipnik geboren, zum Religionslehrer erzogen, in dürftigen Verhältnissen nach Wien kam, um nach wenigen Jahrzehnten als der größte und einflußreichste Kohlengrubenbeschaft verschwindet, wenn wir nach '"3 'ax '3NX 'statt WB1 *WB lesen: bß.a Nebenbei möchten wir erwähnen,, daß dieser letzte Eintrag des Jacob b. MoseS für die Art-unferer Alten, wie sie die mso von a^y:n '■pj'n auffaßten, recht bezeichnend ist. Beim Herausgreifen von Einzelheiten darf der Frau nicht vergeflen werden, die unter Nr. 867 als Frumet Frau Chaijim ha?Levi Wolf angeführt wirb. ES ist die Ahnfrau deS Herausgebers Sandor Wolf, eine ungarische Glücke! von Hameln. Ihr Grabstein trägt die Inschrift: „Bor diesem Stein vereinigen sich Arme und Dürftige zu einem Klagelied. ES deckt ihre Hilfe und Stütze. Diese Frau, die da im Schutthaufen liegt, wer könnte ihr Werk schildern? Und wollten wir eS versuchen, ihre frommen Taten zu preisen, so steht uns indernd ihr Verbot entgegen. Bevor sie starb, verat sie sich ausdrücklich die Lobpreisungen. Wir aber möchten inniglich ihr gute» Angedenken erhalten, so haben wir wenigstens diese Worte eingesetzt." Franziska Wolf, der diele Worte gelten, war eine außergewöhnliche, seltene Frau. Einer vornehmen Familie entstammend — sie war die Tochter des Preßburger Vorstehers Sam. Berlin — vereinigte sie Klugheit und Güte in sich, die sie zum Wähle ihrer Mitmenschen anwandte. Ihr S. 284—362 mitgeteiltes Testament ist ein Kultur-Dokument, das als Sonderbroschüre veröffentlicht und allen jüdischen Frauen und Mädchen als Lektüre mitgegeben werden sollte.

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