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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-09-01 · 12 (9.1937) · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
12 (9.1937)
Date
1937-09-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT No. 12 September 1937 Dr. iur. Hugo Hoff mann °%Z1Ä" Versicherungen aller Art fähigen Frauen in der Stadt als Hausgehilfinnen leicht Arbeit finden. Klein sind die Familien geworden, wo wir doch gewöhnt waren, anf dem Lande grosse jüdische Familien anzutreffen. Und so fehlt es gerade da, wo noch Landwirtschaft getrieben wird, an Arbeitskräften. Es überwiegen die Alten, die Einsamen, die Hilfsbedürftigen. Mail hat sie allein gelassen. Bis die ausgewanderte Familie draussen festen Fuss gefasst hat, dauert es noch einige Zeit, und mancher Alte wird es nicht mehr erleben. Vielleicht will er auch das Land, wo er seit Generationen ansässig war, nicht mehr verlassen. Von uns sollen die Zurückgelassenen #\\v In einem Raum des Museums jüdischer Altertümer hat die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler die Kultgeräte ausgestellt, die ihr durch die hochherzige letztwillige Verfügung Siegmund Nauheims nach seinem Ableben (1935) zugefallen sind. Zum ersten Male ist damit die Sammlung der Oeffentlichkeit zugänglich geworden, die bisher in der Zurückgezogenheit, die das Leben Siegmund Nauheims kennzeichnete, für ihn und seine Freunde eine Quelle der Erhebung und Beglückung war, Siegmund Nauheim gehörte nicht zu dem Kreis von Sammlern, denen der Besitz und Erwerb von Kunstwerken eine gesellschaftliche Verpflichtung oder eine wirtschaftliche Ueberlegung bedeutet. Er war vielmehr ein wahrer Freund des Schönen und war zugleich ein tief verwurzelter Jude. Aus diesen beiden Anlagen befaßte er sich zu einer Zeit mit dem jüdischen Kultgerät, als noch wenig Juden in Deutschland ihr Interesse darauf gelenkt hatten. Siegmund Nauheim, 1874 in Zwingenberg geboren und früh verwaist, hat seine Jugend in der Israelitischen Waisenanstalt in Frankfurt verbracht. Der kluge, allen Bildungsgütern aufgeschlossene Knabe wurde, nach Vollendung der Schulzeit, dem kaufmännischen Beruf zugeführt, dem er sich mit der Unbedingtheit widmete, die ein Merkmal seiner Persönlichkeit blieb. Den jungen Mann traf das schwere Schicksal eines körperlichen Leidens, das ihn für immer an den Schreibtisch zu fesseln schien. Hier nun erwachten die unvergleichlichen Energien, aus denen Siegmund Nauheim sein Leben beruflich und menschlich gestaltete. Es war ihm ein verpflichtendes Gefühl, alle Kräfte aufzubieten, um dem Hause, das ihm den Weg in das berufliche Leben eröffnet hatte, auch weiter zu dienen. Er hat in einer wahrhaft heroischen Art den Kampf gegen sein Leiden aufgenommen und das Unvorstellbare erreicht: in unermüdlicher, schwierigster Reisetätigkeit hat er an der Entwicklung des Werkes mitgearbeitet, dem/er in seiner oft bewährten Treue anhing. Dem erfolgreichen Kaufmann aber, der mehr und mehr in der Kenntnis fremder Länder und Sprachen sich vervollkommnete, wurde der Umgang mit den unvergänglichen Gütern der Menschheit zum eigentlichen Lebensinhalt. Auf der Gediegenheit seiner Kenntnisse aufbauend, erreichte er eine Tiefe der Bildung, wie sie nur denen beschieden sein kann, denen es mit der Verwirklichung des Guten und Schönen in der Welt ernst ist. Sein Leben war ein Sieg des Geistes über die Ungunst des Körpers. Aus dem Bedürfnis nach geistigen Gehalten und künstlerischen Werten kam Siegmund Nauheim in Beziehung zum künstlerischen Schaffen,. nicht nur der Vergangenheit, sondern auch seiner Zeit. Es entsprach der Weite seiner Interessen, daß er ohne Vorurteil sich dem Schönen erschloß, in welcher Form es ihm auch begegnete. Seine Wohnung, deren wahrer Souverän er war, umfaßte das, was ihm lieb und kostbar war. Gemälde, Möbel, Kunstgewerbe aller Art, schöne Drucke und seltene Bücher waren unauffällig und für den gelegentlichen Besucher kaum wahrnehmbar hier zusammengetragen. So rastlos Siegmund Nauheim seine beruflichen Aufgaben erfüllte, so unbefriedigt wäre er doch von Reisen zurückgekehrt, wenn sie ihm nicht auch Bereicherung seiner Sammelfreude gebracht hätten. Wer es erleben durfte, wie Siegmund Nauheim, nach monatelanger Abwesenheit, die Schätze seinen Freunden zeigte, die er in Italien oder Spanien in Antiquitätenläden gefunden hatte, wer die geheimnisvolle, leuchtende Freude verspürte, die dann von dem edlen, feingeformten Gesicht des Heimgekehrten auf alles und nicht im Stich gelassen werden. Gerade in der Zeit, wo in Erwartung der hohen Festtage, sich manches Städters Erinnerung in die alte Synagoge und in das alte Haus der Jugendzeit zurückwendet, soll er auch durch die Tat dafür sorgen, daß er sich mit den Menschen auf dem Land noch verbunden fühlt. Die Winterhilfe allein kann es nicht schaffen. Der Provinzialverband für jüdische Wohlfahrtspf lege bittet, auch in diesem Jahr der Menschen auf dem Lande zu gedenken und ihm Spenden für sie zukommen zu lassen. Postscheckkonto: Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau, Frankfurt a. M. Nr. 44602. alle überstrahlte, war wie von einem Märchen des Orients seltsam angerührt. Es waren keineswegs alltägliche Dinge, die Siegmund Nauheim mit nach Hause brachte. Seiner persönlichen Geprägtheit entsprach es, Gebiete des künstlerischen Schaffens zu bevorzugen, die Selbständigkeit des Urteils und Sicherheit des Geschmacks verlangten. Und da ihm weiterhin alles bedeutungsvoll erschien, was gutem jüdischem Geist entstammte, mußte ihm das jüdische Kultgerät Gegenstand seiner künstlerischen Interessen werden. So entstand die Sammlung jüdischer Kultgeräte Siegmund Nauheims aus Freude am Schönen und aus Liebe zum Jüdischen. Er war ein vorzüglicher Kenner jüdischer Kultgeräte; alle . Fragen, inhaltliche, formale, religions- und stilgeschichtliche, die der Kreis dieser Kunstdenkmäler umschließt, fanden in ihm Echo und Antwort. Mit Siegmund Nauheim Probleme der Kunstgeschichte der Juden zu erörtern, bedeutete Anregimg empfangen und Wissenswertes erfahren. Innerhalb des Gebiets der jüdischen Kunstdenkmäler hat Siegmund Nauheim sich besonders mit dem sephardischen Kreis befaßt. Aus der Kenntnis der heimischen Formen empfand er die Eigenart der sephardischen Werke umso deutlicher. Das Gefühl für das Typische und das Merkwürdige der Geräte der sephardischen Juden war bei ihm fein ausgeprägt. So ist seine Sammlung, die das Museum jüdischer Altertümer nach der Seite des sephardischen Kults ausstattet und abrundet, von einer lehrhaften Deutlichkeit und Geschlossenheit. Siegmund Nauheim wäre nicht der feinsinnige und warmherzige Kenner gewesen, als den wir ihn verehren, wenn er nicht auch aschkenasischen Werken besonderer Art Aufnahme bei sich bereitet hätte. Der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler war Siegmund Nauheim stets ein eifriger Förderer. Als Mitglied ihres Zentralkomitees hat er an ihren konservatorischen und wissenschaftlichen Bestrebungen lebhaften Anteil genommen. Kaum eine Ausstellung wäre zustande gekommen, wenn Siegmund Nauheim nicht großzügig mit seinen Leihgaben geholfen hätte. Bei solchen Gelegenheiten sind dann manche der Werke, die nun in der Ausstellung vereint sind, bekannt geworden. Es bereitete Siegmund Nauheim Freude, wenn sich an seine Werke eine Frage oder gar eine Diskussion knüpfte. Mit der Liebe zur Wahrheit, die den Freund der Wissenschaft erfüllte, konnte er auch abweichende Meinungen vertragen und würdigen. Wenn die Ausstellung der Sammlung Nauheim jetzt Probleme im Gebiet des jüdischen Kultgeräts deutlich werden läßt, wenn eingehende Prüfungen zu Beurteilungen führen sollten, die Nauheims Meinungen nicht in allem entsprechen, so sind wir doch sicher, dem Willen und dem Geiste unseres unvergeßlichen Freundes zu entsprechen, wenn wir nur immer aus dem Bedürfnis nach Klärung und Wahrheit vor die Werke treten. Wenn auch Siegmund Nauheims Vermächtnis ohne Bedingungen, ohne Wünsche und ohne Einschränkungen erfolgte, so wäre es dennoch ungenügend erfüllt, wenn es nicht in seinem Sinn gehütet würde. Die Aufstellung und Darbietung der Sammlung bedeutet die Erfüllung der einen Aufgabe, zu der wir uns verpflichtet fühlen. Die andere, bedeutungsvollere wird dann erst gelöst sein, wenn, über die Vermittlung der ästhetischen Werte hinaus, ernsthafte, forschende Vertiefung den geschichtlichen, künstlerischen und jüdischen Wert der Sammlung erfaßt hat. In wissenschaftlicher Arbeit wird die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler dem Geiste Siegmund Nauheims zu entsprechen und seiner Freundschaft und Güte zu danken versuchen. Zur Ausstellung im Museum jüdischer Altertümer: Siegmund Nauheim und seine Sammlung von Dr. Hermann Gundersheimer.

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