Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 12 (9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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No. 12 September 1937 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR PRANKFURT Seite 3 Abfall und Wohlleben .,Aus der Sättigung stammt ihr Abfall. So findest du es bei dem Geschlecht der grossen Flut, dass sie nur aus der Fülle des Essens und Trinkens und dem Sicherheitsgefühl abtrünnig wurden, was ist von ihnen gesagt? (Ijob 21,9) „ihre Häuser sind ihnen Frieden vor aller Gefahr, Gottes Eute sei nicht über ihnen". Das Geschlecht des Turmbaus wurde nur abtrünnig aus der Fülle des Essens und Trinkens und dem Sicherheitsgefühl, von ihnen ist gesagt (1. M. 11,1) „die ganze Erde war eine Lipp e". Das Gleiche finden wir bei den Männern von Sedom, darum heisst es auch (Jecheskel 16,49) „sieh', das war Sedoms, deiner Schwester, Schuld, Stolz aus Brotes Sättigung und sicherer Ruhe ward ihrer und ihrer Töchter". Ebenso findest du es bei dem Geschlecht der Wüste, daß sie von Gott nur aus der Fülle des Essens abfielen, denn so heisst es (2. M. 32,6) „das Volk setzte sich hin zu essen und zu trinken" und unmittelbar darauf heisst es „rasch sind sie abgewichen von dem Wiege". Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Mosche, wenn ihr in das Land einzieht, werdet ihr nur dann abtrünnig werden, wenn ihr zuviel zu essen und zu trinken1 haben werdet, so heisst es auch( 5. M. 31,20) „ich bringe es zu dem Boden, den ich seinen Vätern zugeschworen habe, der von Milch und Honig fliesst, und es wird essen und satt und fett werden und sich andern Göttern zuwenden". So sagte denn Mosche zu Israel: wenn ihr in das Land einziehen werdet, werdet ihr nur aus der Fülle des Essens und Trinkens und aus der Sicherheit abtrünnig werden, so heisst es (5. M. 8,12 ff )„es könnte, wenn du isst und trinkst und schöne Häuser baust und bewohnst... und wenn alles, was dein ist, sich mehrt, dein Herz hochmütig werden und du vergässest IHN". Auch bei den Söhnen und Töchtern Ijobs findest du, daß die Strafen über sie kamen aus Essen und Trinken und Sicherheit heraus, so heisst es (1,18) „noch redete der, so kam schon ein anderer Bote und sprach, deine Söhne und Töchter assen und tranken Wein im Hause ihres erstgeborenen Bruders, da kam ein Sturm gewaltig an u. s. w." Aus gleichem Grunde mussten die zehn Stämme in die Verbannung gehen, so heisst es (Arnos 4 ff) „auf elfenbeingeschmückten Betten liegen sie hingestreckt auf ihren Pfühlen... sie trinken aus den Weingefässen... darum werden sie sogleich verschleppt an der Verschleppten Spitze". Und auch in den Tagen des Messias werden sie nur abfallen aus der Fülle des Essens und Trinkens und aus dem Bewusstsein der Sicherheit." Das Ganze spricht für sich selbst, Wohlergehen und ein falsches Gefühl der Sicherheit waren von jeher Ausgangspunkt der Untreue und, des Vergessens. Und daß es sogar für die Tage des Messias angenommen wird, ist der Ausdruck dessen, daß man darin ein ehernes Gesetz des Völkerlebens zu erkennen vermeint. Das Amen auf die Worte der Künder Es heisst (V. 20) „ein verkehrt Geschlecht sind sie, Kinder in denen keine Treue ist". An diesem Vers bezeugt der Midrasch seine souveräne Art, den Bibeltext nach Belieben anders zu lesen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Treue heißt hier im Urtext 112 K ) unpunktiert kann man das auch Amen lesen. „Rabbi Dositheos ben Jehuda sagte, lies nicht emun sondern amen, Kinder in denen nicht das Amen ist, die nicht Amen sagen zu ihren Kündern, wenn sie sie — nach ihrer Art — segnen". Musik in den Frankfurter Synagogen I. Synagoge am Dominikanerplatz von Dr. Nathan Ehrenreich Das musikalische Bild des Gottesdienstes der Synagoge am Dominikanerplatz erhält sein bestimmendes Gepräge durch das (selbstverständlich rein vokale) Zusammenwirken von Kantor. Chor und Gemeinde. Wie in allen konservativen Riten steht der Vorbeter mit rezitativischem oder \arios gebundenem Gesang durchaus irn Mittelpunkt. Sein Partner in den Responsen ist die Gemeinde, die damit, nach altem Brauch, zu stärkster Aktivität aufgerufen ist. Der Chor tritt, gleichsam als Stellvertreter der Gemeinde, nur an einzelnen Höhepunkten, die meist nicht mit dem eigentlichen Gebete zusammenhängen, in Erscheinung. Die Synagoge fühlt sieh als Hüterin einer alten Tradition des jüdischen Gesanges, die als „Frankfurter Chasonus" bezeichnet wird und als eine lokal betonte Abart des süddeutschen „Nussach" gilt. Wie man weiss, haben nicht nur die grossen Gruppen des jüdischen Volkes, die Aschkenasim, Sephardim, Orientalen eine eigene Form des Chasonus (eben einen „Nussach") entwickelt, sondern auch die einzelnen Landschaften ihrer Liturgie eine spezifische Färbung verliehen. Es ist nicht ganz leicht, die Sonderart dieser örtlichen Ueberlieferungen, die ja kaum irgendwo mehr ganz rein anzutreffen sind, substantiell zu fassen. Dem süddeutschen Chasonus rühmt man besondere Schlichtheit und Einfachheit nach. Der Stamm von Melodien, der hier und nur hier sich vorfindet, steht in starker Abhängigkeit vom Volkslied der Umwelt, wie auch, nach unserer Meinung, gerade in diesem Bezirk die ursprünglichen Orientalismen der ältesten Kantillationen sehr abgeschliffen und dem europäischen Tonartgefüge angenähert sind. Das Vorherrschen des freundliehen Dur darf vielleicht als weiteres Merkmal betrachtet werden. All diese Kennzeichen treffen auch auf das Frankfurter Chasonus zu, wenigstens dem der gewöhnlichen Wochentage und Sabbathe. Freilich gibt es auch hier viele Besonderheiten und Feinheiten. Die Unabhängigkeit, die der stolze und selbstbewusste Frankfurter Jude im synagogalen Brauchtum bewahrt hat — jeder Benützer des traditionellen Gebetbuchs kennt die häufig anzutreffende Bemerkung „in Frankfurt a. M. sagt man" — hat auch im Musikalischen ihren Niederschlag gefunden. Aber diese Dinge betreffen zumeist Einzelheiten, nicht das Wesentliche. Entscheidende Abweichungen von der Norm glauben wir erst im Chasonus der gehobeneren Tage des religiösen Jahres zu finden. Da gibt es beispielsweise einen „Borchu" für den Abend jener Sabbathe, an denen zwei Thorarollen ausgehoben werden, ein Stück von auffallender Eigenart: der Beginn erfolgt im gewöhnliehen Nigun, aber dann stürzt plötzlich eine akkordisch gebrochene Triolen-Passage in die Tiefe, eine sequenzartig gesteigerte Figur reiht sich an, die überraschend in die benachbarte Tonart ausbiegt und in einem fanfarenmässig emporgereckten Akkord gipfelt. Als ein weiteres Beispiel nennen wir den „Olenu" der Hohen Feiertage. In die überlieferte Weise, wie sie etwa Lewandowski aufzeichnet, sind nach Frankfurter Brauch breite, wortlose Vokaliseh eingelagert. Noch bezeichnender erscheint das „Whakkauhanim" aus der „Awodah" des Jaum Kipnur. ein reich kolorierter, ganz ungewöhnlicher Typ ekstatis'hc'i Gesanges. All diese Melodien und noch viele andere lassen das Eindringen einer sonst vorwiegend im Osten gebräuchlichen Manier der Verzierung und melismatiscnen Ausweitung erkennen, die aber doch wiederum nicht so gestaltlos und inhaltsleer sich vollzieht, wie wir es aus manchen ostjüdischen Chasonus kennen. Die Figuration ist geformter, konziser. Die Motivik weist auffallend auf die Kadenzen des barocken Instrumentalkonzerts hin. Mit dieser Feststellung ist vielleicht ein Hinweis auf die Quellen und die Enstehungszeit dieser interessanten Stücke gegeben. Freilich lässt sich ein abschliessendes Urteil über die hier auftauchenden Fragen erst durch eine eingehende Vergleichung des Frankfurter Chasonus mit den anderen Ueberlief erungen gewinnen — eine noch zu leistende wissen- Dwrsiag, 23. September 1937 Grosser Sial ies Sadban Werbeveransltdtiino des Indischen Kulturbundes Rhein-Main Freier Eintritt - Näheres durchfAnschlag