Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 12 (9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Rosch Haschono 5698 Betrachtungen von Eabbiner Dr. L. Neuhaus Wenn wir vor dem Beginn eines neuen jüdischen Jahres stehen und auf das vergangene zurückblicken, so scheint uns oft das, was gewesen ist, so neu und so eigentümlich, daß wir glauben, es sei einzig in seiner Art und unvergleichbar mit irgend einer Epoche gewesen. Und doch gibt es nach Curt Breyssig, der in seiner „Geschichtsphilosophie" das Geschehen auf seine Gesetzmässigkeit untersucht, nur Wiederholungen in der Weltgeschichte, nur einen gesetzmässigen Ablauf; er sieht „Wellenberge und Wellentäler", Aufstieg und Niedergang, Höhen und Tiefen. Zwar mag es Verschiedenartigkeit der Bedingtheiten des Lebens geben, aber die Gesetze sind die nämlichen in der Geschichte wie die ehernen, ewigen, im gleichen Wandel ablaufenden der Natur. Wo aber können wir diese Gesetzmässigkeit besser darstellen und verfolgen, als in dem kleinen Teil der grossen Weltgeschichte, den wir Geschichte der Juden nennen? Hier erkennen wir die Wiederholung des Gleichen bei aller Verschiedenheit der Seinsbedingungen regionaler und gesellschaftlicher Natur, Wüsten des Lebens und Höhen des Glückes, Abfall und Aufstieg, Jeridäh und Alijäh. Zwischen diesen beiden Polen des Geschehens im Dasein des Einzelnen und in dem des Volkes stehen wir, Kinder der Zeit, und sollen ein Schicksal meistern, das stärker zu sein scheint als wir selber, ein Geschick überwinden, das uns zusammentreibt, und das uns auseinanderreisst. In dieser Erkenntnis der Wesenheit unserer Geschichte liegt zugleich unsere Zuversicht, getragen von der Lebensweisheit und Lebenserfahrung unserer Urahnen, die zu uns aus der heiligen Schrift sprechen, bis zu den uns zeitlich nahen eigenen Ahnen und Vorfahren. Von jener Urgeschichte bis zu dem Geschehen unserer Zeit führt eine Brücke, und die Stimmen von den räumlich so fernen Ufern der Bibel tönen herüber zu unseren Ufern, an denen wir stehen, um sie zu hören, sie zu verstehen und aus ihnen zu lernen, damit wir „der Tage der Ewigkeit gedenken, begreifen die Jahre der Geschlechter". Wenn wir daher nicht nur Kinder der Zeit sein wollen, sondern Künder der Zeiten, das heisst überzeitlich denken und das Geschehen der Tage nicht an der Zeit, die uns durch höheren Batschluß zusteht, messen, sondern über sie hinaus „in Äonen denken", dann ergeben sich beim Eintritt des Juden in ein neues Jahr zwei Forderungen, die uns zugleich trösten und erheben. „Denn das ist das Gigantische im Menschenschicksal, daß es den Mensehen zermalmt, indem es ihn erhebt." Die eine, die Geschichte unseres Volkes zu erforschen, sich ihrer zu „erinnern", sie zu kennen, aus ihrem Ablauf ideelle und praktische Lehren zu ziehen. Als man im Talmud darüber stritt, was grösser sei, das Lernen oder das Tun, da wurde der Gedanke als richtig anerkannt, godaul talmud tauroh schehalimmud meiwi lidei maaseh — gross ist das Lernen, das zur Tat führt. (Baba kamma 17a). Das Erforschen unserer Geschichte, unserer Bibel, als der Basis und der Norm unseres Geschehens und unseres Wirkens, die noch heute zu uns spricht, Beantwortung erheischt und Verantwortung fordert, ist das Primäre; die Wirkung aber auf uns ist die Erkenntnis der Gesetze unseres eigenen Seins, des Wesens und der Eigenart unserer Gemeinschaft. Wir finden in den Gestalten der Bibel und der Geschichte unseres Volkes uns selbst. Jene Gestalten der Bibel, jene Gestalter des Volkes haben dem Schicksal standgehalten; sie haben es überwunden, indem „sie sich selbst gefunden". Ein Moses, ein Jesaja, ein Jeremija, ein Jecheskel, ein David, ein Hiob und ein Daniel, um nur einige jüdische Lebensgestalter herauszugreifen — Männer in und ausserhalb Erez Israel, in und ausserhalb der Galuth — sie waren Helden des Schicksals, Meister der Ueberwindung, Herrscher über das Leid. Sie sind uns Künder des göttlichen ewigen Gesetzes von der Herrscha ft des Menschen über alles' Irdische, über alles Erdengeschehen, über das Leid, von dem Königtum des Menschen, der von Gott eingesetzt ist, um das Irdische zu bezwingen. So heisst Geschichte für uns: Das Geschehen der Vorzeit „fruchtbar zu machen für uns." Und die zweite Forderung: „Frage Deinen Vater, daß er Dir erzähle, Deinen Alten, daß sie es Dir deuten". (V. B. Mos., Cap. 32, Vers 7).. Wir stehen mitten in einem Geschichtsprozess; um uns und in uns ist Bewegung in räumlichem und geistigem Sinne. Der Baüm neben uns ist leer. Aber der Nachbar ist nicht in jene Welt gegangen, in der der Gläubige ein Wiedersehn einst erhofft, sondern in einen anderen Teil dieser Welt, und wer weiß, ob wir ihn dort oder hier je wiedersehn. Mancher ging von uns hinweg in das Land der Väter, das Land der Verheissung, das heiss umstrittene unserer Tage. Da heisst es „Geschichte vorbereiten", wie die Historiker es nennen. Was aber ist „Geschichtsvorbereitung"? Als man befürchten musste, daß Thorah scheb'alpeh, die mündliche Lehre der Vergessenheit anheimfallen würde, hat Rabbi Jehuda hanassi im 2. Jahrhundert nach der üblichen Zeitrechnung das Wagnis unternommen, die mündliche Ueberlieferung zu sammeln und schriftlich niederzulegen. Aus dieser schriftlichen Fixierung sind Mischna und Talmud entstanden. Heute gehen jüdische Menschen auseinander, heute sinken und fallen jüdische Gemeinden. Geschichtliche Erinnerungen hören jetzt vielfach auf, kultische und kulturelle Güter und Besitz jüdischer Gemeinden schwinden. Geistige jüdische Bindungen werden gelöst. Da ist die Forderung unserer Tage, unseres Geschichtsabschnittes. Unsere Kinder, unsere Enkel werden in anderen Zonen ihr Leben verbringen, und neben den allgemeinen Sorgen und die Erfordernisse des Lebens werden sie gewiß auch jüdische Nöte haben und „jüdisch-problematische" Naturen sein. Dann werden sie, die Alten — sekeinecho wejaumru loch — befragen; sie werden Einsicht nehmen in die Blätter unserer, ihrer Geschichte und sie werden (binu) verstehen lernen, aus diesen Blättern, die einstens lebendige Geschichte, Trost und Erhebung zu finden in ihren Sorgen, Nöten und Hemmnissen. Die Vergangenheit wird ihnen lebendig und sie schliessen sich mit der „Erinnerung" der Kette ihrer Ahnen an, bilden selber ein neues Glied der Kette, um sie weiterzutragen. S o verbindet sich ein Bogen uralten Geschehens, über Jahrhunderte und Raum sich wölbend, mit dem Ge"- schehen unserer Tage. Darin aber finden wir Trost, Erhebung und Zuversicht, daß Er es ist, der in seinem überzeitlichen Weltgeschehen auf Niederungen des Daseins Höhen der Welt folgen lässt, wie wir es wie'er in der Haftarah von Rosch Haschono hören. — Und Rosch Haschono. bedeutet ja nichts anderes als „Spitze der Wiederholung" —, in der Haftara, in der die gläubige Mutter des einstigen Richters Samuels, Hannah, von tiefem Leid und härmenden Kummer sich emporhebt zum strahlenden Glück und freudigen Sein und die Worte prägt, die ein jedes neue Jahr uns zuruft: Hu maschpil umeraumeim; daß der Ewige es ist, der erniedrigt und erhöht. Das Schriftwort Um Mosches Abschiedsgesang von Max Dienemann Mosches Abschied Im 5. M. 32 finden wir das grossartige Lied, mit dem Mosche von seinem Israel Abschied nimmt. L i e d ist es in der Tora genannt, und Lied ist es durch den Rhythmus der Sprache, durch die gebundene Rede und durch den strophischen Aufbau. Aber es ist mehr als Lied, es ist eine Gesamtschau über Israels Art und Schicksal, über Erleben und Wandlung und Zukunft. Man lese es im ganzen nach! Leicht begreiflich, daß angesichts der Sonderstellung dieses Liedes seine einzelnen Sätze aufmerksam und liebevoll betrachtet wurden und mannigfache Deutung erfuhren. Einige seien wiedergegeben, Himmel und Erde als Zeugen Das Lied beginnt mit den Worten: „Lauschet ihr Himmel, ich will reden, die Erde höre meines Mundes Worte". Dieser Satz bildet den Ausgangspunkt mannigfach verzweigter Aeusserungen. „Selig der Weibgeborene, der zu dem Himmelswerk sprechen darf, wie ein König zu seinen Dienern: „lauschet, höret auf meine Worte!" So darf er auch zu Himmel und Erde sprechen: schweiget bis ich alle meine Worte beendet." Mit dieser Bemerkung will der Midrasch auf die einzigartige Stellung Mosches, seine Souveränität hinweisen. „Lauschet ihr Himmel, das ist zu verstehen aus dem Worte Jirmejahus (31,17) „so spricht ER, wenn ausgemessen