Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 7 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9620171-9621231-9626788--0127-9626793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
101 Nun schaute er der Sprechenden prüfend ins Angesicht, dann ertönten die Worte von seinen Lippen: „Bist Du es wirklich, meine geliebte Ena? So hätten wir uns denn endlich gesunden!" Und Schwester und Bruder umarmten sich inniglich. Es ist natürlich, daß nun ein Austausch pon Mitteilungen über die bisherigen Lebensschicksale eines jeden erfolgte. 'Eva erzählte ihrem Bruder ihre Erlebnisse, verschwieg ihm aber dasjenige, was ihm zu großen Kummer bereiten mußte. Hören wir nun, was Joseph über seine und seines Freundes Erlebnisse mitteilte: „Als ich in Gemeinschaft mit meinem lieben Freunde Rosen", so begann Joseph, „H. verlassen -hatte, durchwanderten wir die deutschen Lande. Wir wollten Land und Leute kennen lernen. Überall fanden wir freundliche Herzen, und die jüdischen Häuser standen uns allerorten offen. Denn wandernde jüdische Handwerksgesellen gehörten zu den seltenen Erscheinungen, und wenn wir auch oft bei nichtjüdischen Meistern Arbeit hatten, so fanden wir bei den Glaubensgenossen allzeit offene Thüren, so daß es uns nicht schwer war, treu unseren Religionsgesetzen zu leben. So wanderten wir mehrere Jahre, das Leid des einen ward vom anderen geteilt, und die Freude des einen fand im Herzen des andern einen lebhaften Wicderhall. Wir gingen von Werkstätte zu Werkstätte, die eine immer größer und bedeutender als die andere, bis wir nach dieser Stadt kamen. Der Herr hat unsere Arbeit gesegnet und hat uns erreichen lassen, was wir nie zu erhoffen wagten. Ich habe es dahin gebracht, daß mich mein Prinzipal znm Leiter seiner ausgedehnten Fabrik bestellte, und Rosen ist der erste Maschinenmeister". „Und warum hast Du bis jetzt nichts von Dir hören lassen?" unterbrach ihn Eva. „Ich wollte es erst zu etwas gebracht haben, um dem lieben Vater zu zeigen, daß auch der Handwerker cs zu etwas ordentlichem bringen kann. Es mag dies vielleicht unrecht gewesen sein, doch glaubte ich, dem lieben Vater eine um so größere Freude bereiten zu können. Aber glaube mir, ich habe seit Jahren seiner täglich gedacht, habe dafür gesorgt, daß er sein Auskommen habe." „So warst Du derjenige, welcher den Banqnier angewiesen hatte, ihm allmonatlich eine Summe ausznhändigen?" Joseph nickte zustimmend. „Und wie geht es unserm Bruder Simon?" fragte Joseph. Bei dieser Frage lagerte sich ein tiestrauriger Zug auf das Gesicht Evas und seufzend sprach sie: „Er ist für uns lebendig tot!"