Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 6 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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85 Tische, sei es beim Aufftehen oder Niederlegen, teilzunehmen, ja, er ging so weit, des öfter» Vater und Schwester in ihren heiligsten Gefühlen durch beißenden Spott tief zu verletzen. So war denn nach zwei Richtungen hin das Herz des Vaters schwer belastet. Dieser aber war zu schwach, sich dieser Lasten zu entledigen, und wenn auch die Forderungen des Sohnes seine Leistungsfähigkeit zu überschreiten begann, er ließ sich immer wieder durch die Vorspiegelungen seines Kindes blenden. Wohl wagte er es jetzt, bei erneuten Forderungen Worte des Vorwurfes über zu viele und zu große Ausgaben fallen zu lassen, mit zitternden Händen händigte er dennoch die verlangten Summen ein. Seltsam! Welcher Gegensatz offenbarte sich hier bei dem Vater! So schwach er seinem älteren Sohne gegenüber war, so hart und rücksichtslos zeigte er sich, wenn sein jüngerer Sohn Joseph inbctracht kam, der durch sein eifriges Streben doch seine volle Zuneigung verdient hätte, und dem er nur das Allernotwendigste hatte zukommen lassen Die Anerkennungen, welche Joseph bei Beendigung seiner Lehrzeit allseitig zu teil geworden waren, ließen ihn kalt, war er ja nur ein Handwerker geworden, der unmöglich so gute Aussichten für die Zukunft haben könne, wie ein gelehrter Mann. Der verblendete Vater sollte in kurzer Zeit erfahren, wie falsch seine Ansicht war, wie der, Dem er alles zu opfern bereit war, ihm noch großen Schmerz und Kummer znfügen, und der, welchen er mißachtete, seines Lebens Stütze werden sollte! — — Simon Rehfeld hatte bereits drei Jahre das Studentenleben in vollen Zügen genossen, und noch immer hatte er nicht einmal ernstlich dem Studium obgelegen. Er wußte heute noch nicht, welchem Berufe er sich widmen wollte. Er war planlos von einer Fakultät zur andern übergegangen, hatte in bcm einen Semester Medizin studiert, in dem anderen wieder hatte er sich sprachlichen Studien hingebcn wollen und endlich war er zu dem Entschlüsse gekommen, Jurist zu werden. Dies alles redete er natürlich seinem Vater vor, der ihm auch vollen Glauben schenken mußte, da er die Behauptungen seines Sohnes nicht kontrollieren konnte. In Wirklichkeit aber verbrachte er die Zeit ganz wo anders, als in den Kollegien. Er pflegte die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht zu machen, und diejenigen, mit welchen er einen intimen Verkehr pflegte, gehörten keineswegs den besseren Gesellschaftsklassen an. In diesen Kreisen war das Spiel eine beliebte Beschäftigung und bald war auch unser Student ein Gcwohnhcitsspicler geworden, der oft den letzten Heller, den er besaß, verspielte. So hatte er wiederum ein volles Jahr in Nichtsthun und in Völlerei vergeudet. Es war am ersten Tage des Monats April gewesen, an welchem er eine größere Geldsendung seines Vaters bestimmt erwartete. Er befand sich in arger jr '