Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 5 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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— 68 — soliderer Liebling, hat sich zur Seite des Lehnstuhls aufgestellt und schmeichelnd auf den linken Arm Papas gestutzt — da öffnet sich die Thur, und drei sonderbare Gestalten treten ins Zimmer. Alle drei sind es Charaktermasken, der Eine jedoch, der Mandolinenspieler, ohne Larve; er ist vielleicht fremd hier, wozu die ohnehin unbekannten Gesichtszüge noch verdecken? Der Andere macht einen Ratsherrn. Er hat aus dem Trödelladen an der Ecke einen noch gut erhaltenen — nur etwas fadenscheinigen — Amtsrock entlehnt. Hei, wie die goldnen Borden und blanken Knöpfe glitzern und suukeln! Zwar ist der Rock viel zu lang, aber das thut der Würde keinen Eintrag; tragen ja auch die Damen bei festlichen Gelegenheiten recht lange Schleppen. Und unter dem schweren Amtsrocke das Wams und die feine Hemdkrause. Und wie stolz er den Kopf in den Nacken wirft! Schade, daß du ein Jude bist, sonst hättest du ein veritabler Ratsherr werden können. Vor Allem aber der kleine Junge! Was will er darstellen? Er har im Trödelladen des Vaters oder Oheims keine passenden Verkleidungsgegenstände finden können. Wozu auch? Es genügt, daß er des Vaters Nachtmütze aufsetzt und sein eigenes weißgewaschenes Hemdchen über die Kleidung zieht. So geht er als personifizierte Unschuld vor den beiden anderen einher. Freilich die Larve ist ihm etwas zu groß und will nicht recht sitzen, er muß sie mit der rechten Hand festhalten. Aber das hindert ihn nicht, sein Sprüchel herzusagen. Er findet aufmerksame Zuhörer; sind sie ja heute willkommene Gäste. Die Purimfreude wäre gar nicht vollständig gewesen wenn keine Masken gekommen wären. Der kleine Pausback macht zwar große Augen, aber er fürchtet sich vor den geschwärzten Gesichtern nicht, befindet er sich ja zwischen den Knieen des Vaters in ungefährdeter Sicherheit. Nur die Hauskatze, die neugierig unter dem Tischtuche hervorguckt, scheint dem Frieden nicht recht zu trauen. Aber auch sie lauscht auffnerksam wie alle anderen Anwesenden. Wovon der kleine Maskierte wohl erzählen mag, daß es die Aufmerksamkeit der Zuhörer so in Anspruch nimmt? Dem Hausherrn wird der Kaffee, auf dem Tische stehend, kalt, und seine Pfeife bleibt unangezündet. — Nun es sind alte bekannte Geschichten, die doch ewig neu bleiben und fast alljährlich in neuem Gewände erscheinen. In zierlichen Reimen und holprigen Knittelversen erzählt er von der unglücklichen stolzen Vasti, von dem mächtigen Könige Ahasverus, der über 127 Länder regierte, dabei aber ob seines Wankelmuts nur ein Spielball in der Hand seiner Günstlinge war. Auch von dem Juden Mordechai und der schönen liebreizenden Ester ertönt sein Sang. Aber am meisten beschäftigt er sich mit dein bösen Haman. Dessen hat sich der Sang und die Sage gaiiz besonders liebreich angenommen. Ist er es doch, dessen zahlreiche Nachkommen iloch heutzutage überall anzutreffeu sind. Der dicke Ratsherr, dessen» Maske hinter der weißen Unschuld gravitätisch einherschreitet, soll, einer in der Judengasse umherlaufenden Sage nach, ein direkter Nachkomme weiland Sr. persischen Maj. Ministers Haman sein. Was man über ihn selbst nicht sagen darf, das kann