Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 4 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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„Komm, lieber David, ich führe Dich zu Deinem Vormund, dem Herrn Vorsteher Boas, der für Dich nun sorgen wird." Die plötzliche Anrede des Schammes hatte David ansschrecken lassen, und stumm war er jenem gefolgt. — Weiler sollte sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht sehen. Herr Boas empfing den Waisenknaben freundlich und sprach ihm Trost zu, so daß David mit erleichtertem Herzen in die Zukunft blicken konnte. Teilnahmsvoll hatte der Vormund ihn gefragt, wie er denn nun über seine Zukunft denke, und was er zu thnn beabsichtige Da hatte der Knabe geantwortet, daß er wohl imstande sei, den von seiner Mutter bisher betriebenen Handel sortznsetzen, wenn ihm noch einige Mittel an die Hand gegeben würden. Herr Boas aber widersprach ihm; er war entschieden dagegen, daß sein Mündel sich fernerhin dem Handel hingeben solle. „Wir haben schon allzuviel Handelsleute unter uns", so hatte er David belehrt, „und man macht es uns schon längst zum Vorwürfe, daß der Jude eine besondere Vorliebe für Handel und Trödel besitze. Diesem Vorwürfe müssen wir mit allen Mitteln entgegentreten. So mancher Vater weiß nichts Besseres zu thnn, wenn sein Sohn der Schule entwachsen isr, als auch ihm einen Sack über die Schulter zu werfen und ihm znzurnsen: „So nun geh handeln, wie ich cs thue!" und der Sohn wird ein Handelsmann sein Leben lang, wie es sein Vater ist. Das muß anders werden. Wir Inden müssen uns wieder denjenigen Erwerbs- ' quellen zuwenden, die uns Haß und Neid Jahrhunderte lang verschlossen hielten. ■k Und als eine solche Erwerbsquelle steht das Handwerk oben an, von dem der Volksmund sagt, daß es „einen goldenen Boden" habe. Schon im grauen Altertum war das Handwerk bei unseren Vorfahren hochgeschätzt, und selbst die orragendstcn Talmndgelehrten waren schlichte Handwerker. Ihre Wertschätzung >"> Randwerts bekundeten sie durch verschiedene Anssprüche. So psicgte ein Ge- -n sagen: „Wer seinen Sohn kein Handwerk erlernen läßt, ist, als ob er r Räuber erzogen hätte". Ein anderer that den Ausspruch: „Und dauerte m - iVc die Hungersnot, den Handwerker sucht sie nicht heim". Und wenn verk späterhin, namentlich im Mittelalter, innerhalb des jüdischen Volkes : m Abnahme kam, so lag dies daran, daß man den Inden das Hand- 'gte und sie znm Handel und Trödel trieb. Diese Schranken sind nun •:io warum sollten wir heute nicht auch das mit Vorliebe pflegen, was : ' crn dereinst so hoch geschätzt haben?" hatte den eindringlichen Worten des trefflichen Mannes mit Anf- „ gehört und ans die Frage desselben, ob er denn eine Neigung für das Handwerk in sich verspüre, mit Freuden den Wunsch geäußert, Schlosser zu werden. Befriedigt über den Entschluß des Knaben, hatte Herr Boas dann-noch mancki Andeutungen betreffs der ihm erwa bevorstehenden Zukunft gemacht.