Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 4 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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'f 5 — 52 — das Gotteshaus besuche. Joseph vergäll diese menschenfreundliche, rücksichtsvolle Behandlung durch Treue und Arbeitslust, er war stets der Erste und der Letzte in der Werkstätte. Was er iu der Zeit, während welcher er durch die Erfüllung seiner religiösen Pflichten von der Arbeit serugehaltcu wurde, versäumte, holte er stets durch verdoppelte Anstrengung nach, so daß sein Meister cs nie bereute, seinem Lehrling rücksichtsvoll eutgegeugekouuueu zu sein Freilich traf ihn iu der Werkstätte manch scheeler Blick, und selbst die Gesellen beneideten den „Jndenjnngen", der zwei Feiertage iu der Woche hatte. Auch vernahm Joseph manche Stichelredeil, die aus seine Glanbensangehörigkeit hiudcuteu sollten; doch er beachtete sie niemals. Wußte er doch, daß sie seine Stellung dem Meister gegenüber nicht beeinträchtigen konnten. Trotz mehrjährigen Znsannnenarbeitens hatte sich zwischen Joseph und seinen nichtjüdischen College» doch kein freundschaftliches Verhältnis entwickelt und er hätte sich auch ganz vereinsamt gefühlt, hätte es nicht eine glückliche Fügung gewollt, daß bei einem andern Schlossermeister ebenfalls ein jüdischer Lehrling in der Lehre war, David Rosen. Zn ihm hatte Joseph sich von vornherein hingezogen gefühlt. David war elternlos. Zn derselben Zeit, als Joseph nach H. gekommen war, hatte der Vormund ihn in die Lehre gegeben. Er hatte unter sehr ärmlichen Verhältnissen seine erste Jugendzeit verlebt. Seinen Vater hatte er nie gekannt, und seine Mutter hatte sich durch einen kleinen Grünkram kümmerlich durchs Leben geschlagen, bis sie eines Tages von einer schweren Krankheit heimgesncht worden war. In dieser Zeit hatte es David versucht, das kleine Geschäft, so weit cs ihm möglich gewesen, sortznsetzen, um die notdürftigsten Lebensbedürfnisse zu erschwingen, da seine Mutter bis zur letzten Stunde ihres Lebens es verschmäht hatte, Almosen anznnehmen. Da brach aber eines Tages das Schicksal über den thätigen, trensorgenden Knaben herein. Eines Morgens fand er die Mutter entseelt im Bette. Nun stand er verlassen da. Menschenfreundliche Nachbarn hatten sich jetzt seiner angenommen und ihn einstweilen beherbergt. O, es ivar der nnglücklichste Tag seines Lebens, als man sein liebes Mütterlein ' in die Gruft versenkte. Die dumpfen Töne, die an sein Ohr schlugen, als man die ersten Schollen ans den versenkten Sarg warf, machten sein junges, schon so schwer geprüftes Herz erbeben, und der Thränenstrom hatte lange nicht versiegen wollen. Schon war die Gruft geschlossen, der Grabhügel geformt, die wenigen Teilnehmer an dem Begräbnisse hatten sich nach und nach entfernt, David hatte aber unbeweglich dagestanden, beit nassen Blick starr aus den Grabeshügel gerichtet, der nun seine einzige Lebensfreude barg. Wohin sollte er sich nun wenden? Diese Frage begann allmählich in ihm sich zu regen. Da war der Schammes*) David Weiler an ihn herangetreten und hatte, seine Rechte erfassend, in liebevollem Tone ihn angeredet: m *) Synagogendiener.