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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 2 (1895) · p. Seite 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
2 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 27 (sequence 27)
Language
German
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27 die Achseln. Lipp wurde leichenblaß; aber zum Kranken zurückgekehrt, that er sorglos und suchte ihn auszumuntern. „Ich habe heute noch nicht gebetet", klagte der Kranke, „du weißt, wie ich meine Gebetriemen anlege; hilf mir. ich kann mich nicht regen." Lipp hals dem Kranken die Gebetriemen um die Stirn und den linken Arm legen und sagte endlich lächelnd: „So, jetzt kannst du besser kutschieren." Mit schwacher Stimme wehrte der Kranke ab: „Mach' jetzt keinen Spaß. Thu' das nicht, du versündigst dich. Ich nehme dir's aber nicht übel. Da, gieb mir die Hand, und ich bitte dich, verzeih' mir auch alles, was ich dir je zu Leid getban oder geredet, und wenn mich mein Bruder und die anderen nicht mehr am Leben treffen, sag' ihnen, daß ich allen verziehen habe .... wenn sie mir wissentlich oder unwissentlich etwas böses gcthan . . . sie sollen auch mir verzeihen —" Er murmelte leise Gebete vor sich hin, dann rief er, wie irre redend, seinen Bruder: „Gieb das Gebetbuch und sag' mir das Sch'mah! Das Sch'mah will ich hören! Das Sch'mah! Dem Lipp wurde angst und bang, als der Lederherz nun immer heftiger schrie: „Warum sagst du nichts? Sag' das Sch'mah! Ist denn keiner, der mir die Liebe anthun will? Seid ihr alle stumm und blind?" Angstvoll kam der Lipp zu mir ins Pfarrhaus und erzählte alles. „Und was will er denn nur mit dem Sch'mah?" fragte er zitternd. Ich erklärte ihm, daß das die Verse 4 bis 8 im fünften Buch Mose bedeutet. Diese Worte enthalten das Glaubensbekenntnis der Juden, und mit diesen Worten aus den Lippen hauchen sie gläubig ihren letzten Atem aus. „Was sollen wir thun?" fragte Lipp. „Was wir thun können", antwortete ich, nahm meine hebräische Bibel, suchte die Stelle und begleitete Lipp nach Hause. Als ich eintrat, ries der Kranke: „Kommt Ihr? Ich bin bereit!" Ich begann nun die Worte: „Höre, Israel, der Herr unser Gott ist ein einiger Gott. Und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft . . ." Als ich dies in hebräischer Sprache laut las, sah mich der Lederherz groß an, mit jenem wunderbar strahlenden Blicke, in dem das Menschenauge nur in der Todesstunde erglänzt. Ich weiß nicht, ob er mich erkannte, aber kaum hatte ich die ersten Worte gesprochen, als er einfiel und mit erschütternder Stimme die Worte nachsprach, und wenn ich innehielt, winkte er, daß ich fortfahren solle, und ich wiederholte es fort und fort-. Mit dem Worte „Adonai" (Gott) hauchte er seinen letzten Atem aus, und ich drückte ihm die Augen zu . . . Ich glaube, daß ich nie getreuer ein Diener am Worte und im Geist der Liebe gewesen bin, als jetzt, da ich, der christliche Geistliche, einem 'Juden in der letzten Lebensstunde sein Gebet verrichten half.

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