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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 2 (1895) · p. Seite 26

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
2 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 26 (sequence 26)
Language
German
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preis für die Stiefel sogleich bar; er sagte, das habe ja nicht solche Eile, aber ein eigner Glanz trat in sein großes, dunkles Auge, als ich ihm das Geld darreichte und dabei in hebräischer Sprache den Vers 14 und 15 ans 5. Buch Moses Capitel 24 sprach: „Du sollst dem Dürftigen und Armeil seinen Lohn nicht vorenthalten; er sei von deinen Brüdern oder von den Fremdlingen, die in dciaen Thoren sind. An demselben Tage sollst du ihm seinen Lohn geben, und es soll die Sonne nicht darüber untergehen". Der Lederherz war eine lange, knochenstarke Gestalt; man sah ihm aber an, daß er sich schlecht nährte. Denn sechs Tage in der Woche lebte er säst nur von Brot, Kaffee und Kartoffeln, nur selten gönnte er sich eine Eier- oder Mehlspeise, die er bei seinem Gastsreunde, dem Schuster Lipp, in eigenem Geschirr selbst bereitete. Mit dem Schuster Lipp lebte er in inniger Freundschaft, die sich aber auch in beständigen Neckereien und Religionsstreitgkeiten kund gab Der Schuster Lipp war ein Schristgrübler und suchte seinen Freund zum christlichen Glauben zu bekehren; aber Nr. Lederherz hielt ihm tapfer Stand, und seine gewöhnliche Entgegnung war: „Das wenigstens könnt ihr uns nicht vorwerfen, daß wir je einen Andersgläubigen zu bekehren suchen". Es war in meinem letzten Winter in Waldhausen, wir hatten säst drei Monate ohne Unterbrechung steife Kälte, der Lederherz kam seit zwei Wochen nicht in's Dorf, man vermißte ihn allgemein, und es hieß, er müsse schwer krank oder gar schi'N gestorben sein. Lipp sagte, wenn er auch diese Woche nicht käme, so wandre er nach seinem Heimatsdorse. Am ersten Sonntag nach Neujahr kam aber der Lederherz und schleppte sich mühsam mit seinem Pack bis zum Hause seines Gastfteundes. Keuchend sagte er: „Ich hätte daheim bleiben sollen; aber Gottlob, daß ich bei dir bin, Lipp!" Der Lederhcrz sah noch abgehärmter aus als sonst, und ans der linken Seite war die Batte seines Rockes gewaltsam zerrissen. Lipp wußte, daß das ein Trauerzcichen sei, und Lederherz berichtete, daß seine Mutter gestorben und er deswegen nicht gekommen sei. „Und jetzt bin ich selber schwer krank", klagte er. „Das war mein letzter Gang Nun denn, in Gottes Namen! Wenn ich draußen sterben soll und nicht daheim, sterbe ich am liebsten bei dir. Ich fürchte, ich höre morgen deinen Hahn nicht mehr krähen. Schick' sogleich einen Boten nach meinem Dorf. Mein Bruder und wer sonst noch will und kann, soll zu mir kommen und bei mir sein, wenn ich sterbe". Der Schuster Lipp suchte ihm seine Ängstlichkeit auszureden und scherzte darüber, that aber doch schnell alles, um es dem Gastsreunde so behaglich als möglich zu machen. Das einzige Bett, das in der Wärme stand, das Himmelbett in der Stube für die Großmutter, wurde ihm eingeräumt, und bald schnatterte Ledcrherz, vom Fieber geschüttelt. Der Arzt kam glücklicherweise gerade in's Dorf, er besuchte den Kranken, und beim Weggehen, als Lipp kummervoll fragte, zuckte er

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