Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 2 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9620171-9621231-9626703--0046-9626712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
25 Magazinen. Ehedem aber war solch ein Hausierer, bei dem alles zu haben und alles anzubringen war, eine eigentümliche Figur im Dorfe. Jedermann kannte ihn, und er blieb doch immer ein Fremder. Als ich in Waldhausen Pfarrer war, hatten wir solch einen Hausierer, der fünf Tage in der Woche im Dorfe daheim war, ohne sich je ansäßig zu machen. Sein Heimatsort war acht Stunden von uns entfernt, und in der Regel war er schon Sonntag in der Frühe bei uns; er wunderte die Nacht hindurch mit seinem schweren Quersack den weiten Weg. Er hatte nichts Zudringliches, und ich erinnerte mich bei ihm gern eines Wortes, das einst bei unfern Landständen ausgesprochen wurde. Es war da viel davon die Rede, wie gefährlich die Hausierer seien, wie sie die Menschen zum Ankauf von Dingen verleiten, deren sie nicht bedürfen, und da sagte ein alter trocken witziger Professor: „Ja wohl, ich kenne die Gefährlichkeit dieser Wegelagerer auch. Ich gehe einmal vom Collegium nach Hanse, und da hält mich am hellen Tag aus offener Straße solch ein Wegelagerer von Hausierer an und fragt mich: ,Nichts zu handeln?' Ich sage: Nein, und .... da war die Gefahr vorbei". Unser Hausierer war ein Jude mit Namen Herz oder Hirz, was eigentlich Hirsch heißt; jedermann aber kannte ihn unter dem Namen Lederherz. In meinem Dorfe war es nämlich der Brauch, daß die Bauern sich große Spangen Sohlleder kauften, um benöthigten Falls beim Schuster zur frischen Besohlung Stücke aus der Spange ausschneiden zu lassen. Der Lederherz lieferte den Vorrat, und dazu trug er noch sein Schild mit sich herum; denn die Ellenbogen seines Rockes waren mit Lederstücken besetzt, in Herzform ausgeschnitten. Ich war bald ein Jahr im Dorfe, der Lederherz hatte nie versucht, irgend ein Geschäft mit mir zu machen. Meiner Frau kaufte er indessen die Federn von unseren Gänsen ab, und sie macfite auch zuweilen einen Tauschhandel mit ihm, wobei sie oftmals seine Redlichkeil und Klugheit rühmte und mir auch von seinen Lebensverhältnissen erzählte. Er war der älteste von vier Geschwistern und hatte, wie er sagte, „das Heirathen versäumt"; denn er mußte für die Anderen sorgen, denen er aus seinem Erwerbe zur Begründung eines Hausstandes verhalf. Jetzt, sagte er, habe er's leicht, denn er habe nur noch seine alte, bald achtzigjährige Mutter zu ernähren. Erst im zweiten Winter wurde ich selbst mit ihm bekannt Er war auf die Bedürfnisse aller Menschen hedacht, und so brachte er mir hohe Pelzstiefel, die ich jetzt noch habe. Er erklärte mir mit klugem und gutherzigem Lächeln, daß ich die Stiefel haben müsse, wenn ich im strengen Winter nach meinem Filial oder nach den entfernten Bauernhöfen zu Krankenbesuchen fahre. Er trank bei uns eine Tasse Kaffee — eine andere Speise nahm er nicht — und ich gewährte es ihm gern, daß er dabei sein schtoarzes Sammetkäppchen aufsetzte. Ich bezahlte ihm den Kauf-