Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 2 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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— 23 — wohlgesinnt war, ja mit einem Juden zuvor nie gesprochen hatte. Wie mochie es nur zngegangen sein, daß ein Jude der besonderen Gunst dieser Herrscherin sich erfreute, ja sogar ein hohes kaiserliches Amt bekleidete? Unter dem Namen Diego de Agnilar — sein voller Name lautete: Mosche Parcra, Diego de Agnilar — hatte eines Tages ein fremder Mann um eine Audienz bei der Kaiserin gebeten, die ihm auch huldreichst gewährt wurde, da dieser Name der Regentin wohl bekannt war. Ohne ein Wort zu sprechen, überreichte Agnilar der Kaiserin den bewußten Handschuh, den sie ihm einst in Madrid gegeben hatte. Jetzt war die Zeit gekommen, wo der einst so gefürchtete Gewalthaber der Gnade der Kaiserin bedurfte. „Welche Gnade soll ich Dir gewähren?" fragte sie tcünamsvoll. Agnilar erzählte ihr nun sein furchtbares unverschuldetes Schicksal und flehete um Schutz. Die gütige Monarchin gewährte ihm diese Bitte im vollsten Umfange, und der frühere Groß-Jnqnisitor lebte jetzt ganz im Glauben seiner Väter. War vordem die Rückkehr zum angestammten Glauben auf die erwachte Kindesliebe zurückzuführen, so hing er jetzt infolge eifrigen Studiums der göttlichen Lehre seiner Religion mit allen Fasern seines Herzens an. Durch seinen imermüdlichen Fleiß, seine Rechtlichkeit und Pflichttreue erwarb er . sich großes Ansehen und eine hervorragende Stellung, die ihm ermöglichte, seinen bedrängten Glanbensbrüdern viel Gutes zu erweisen und schweres Unheil von ihnen abznwenden. Von einem seiner Freunde erfuhr Agnilar eines Tages, daß im Staatsrat die Vertreibung der Inden ans Oesterreich beschlossen war. Tief erschüttert durch diese Mitteilung, entschloß er sich kurz, seinen Brüdern zu Hilfe zu kommen. So gleich ließ er dem türkischen Sultan von dem Beschluß des Staatsrates Kenntnis geben, ihm sogleich die Vorteile vorstellend, die sein Reich durch die Aufnahme der Vertriebenen haben würde. Nach einigen Wochen sprengte ein türkischer Reiter durch die Straßen Wiens. Gr hatte den Auftrag vom Sultan erhalten, nicht eher vom Pferde zu steigen, bis er vor die Kaiserin komme. Er. gelangte in den Schloßhof, und die Kaiserin ließ ihn durch einen Kammcrherrn nach seinem Begehren fragen. Den erhaltenen Befehl strikte befolgend, ritt er die Treppe hinauf und stieg erst dann vom Pferde, als er im Vorzimmer der Kaiserin sich befand. Er Mt der Kaiserin zu Füßen, küßt den Saum ihres Gewandes und überreicht einen großen Brief mit einem großen Siegel. Die Kaiserin liest den Brief und erblaßt; er enthielt eine Erklärung des Sultans, nach welcher er die vertriebenen Juden mit Freuden in sein Reich ausnehmen wolle. Auf Befehl der Kaiserin wurde der Staatsrat sofort einbernfen - die Vertreibung der Juden aber unterblieb. Später verließ Aguilar Wien. Wo er dann gelebt und wo er gestorben ist darWer fehlt uns jede Nachricht.