Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 2 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 und Weichheit strahlten aus seinen Blicken. Schluchzend warf er sich an das Mutter- Herz und weinte Helle Thränen, Thränen, die ihren Ursprung in der Tiefe eines empfindsamen Herzens haben. Mit gespanntester Aufmerksamkeit, mit von Hoffnung und Angst gefülltem Herzen hatte die Frau ihren Sohn beobachtet, und voll Entzücken rief sie, indem sie ihren Blick nach oben richtete: „Gelobt sei der einig-einzige Gott, der dich mir wiedergegeben hat und auch meine Tochter!" Der Groß-Jnquisitor zuckte zusammen. Ein heftiger Mampf tobte in seinem Innern, tiefer Schmerz prägte sich in seinen Gesichtszügen aus, sein Atem stockte, und kaum vernehmbar lispelte er, am ganzen Körper bebend: „Ja, die Schwester!" Sinnend stand er einen Augenblick da, während die Berzweiflung sein Herz zu brechen drohte. Plötzlich richtete er sich auf, sein Entschluß war gefaßt. „Mutter, warte mein!" sagte er kurz und ging. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück, faßte seine Mutter bei der Hand und führte sie den Treppengang hinunter, gebot dem Pförtner zu öffnen und ward von dieser Stunde an in Madrid nicht wieder gesehen. Als dann die Flammen des Scheiterhaufens aufloderten, hörte man hebräische Psalmen singen. Von den Lippen eines unter den gräßlichsten Qualen sterbenden Mädchens erschollen sie — an der Schwester des Groß-Jnquisitors wurde das Autodafee*) vollzogen. Nun wirst du, mein lieber Leser, fragen, warum oer Groß-Jnquisitor nicht die Rettung seiner Schwester versuchte. Das vermochte er nicht, trotz seiner hervorragenden Stellung. Denn wer einen von der Inquisition Angeklagten zu retten, zn verteidigen oder zu seilten Gunsten zu zeugen wagte, verfiel selbst diesem schrecklichen Gericht. So wären er und seine Mutter auch dem sicheren Tode geweiht, ohne das Leben der Tochter dadurch gerettet zck haben. Uni aber offen zu bekennen, daß er nur aus anerzogencm Irrtum zu einem fremden Glauben sich bekannt und aus Fanatismus für seinen neuen Glauben ein Verfolger der Marranen gewesen sei, und um die vielen Verbrechen an unschuldigen und wehrlosen Brüdern mit seinem eigenen Leben zu büßen, dazu fehlte ihm der Mut; denn wer kein Erbarmen kennt, hat auch keinen Mut. Grausamkeit und Feigheit sind stets mit einander gepaart. Durch feige Flucht hatte der Inquisitor sich und seine Mutter in Sicherheit gebracht; aber unter seinem NachfolgerToderten die Scheiterhaufen nach wie vor. * * * Nach geraumer Zeit machte ein spanischer Jude in Wll i gar viel von sich reden und genoß die besondere Gunst der Kaiserin Maria Theresia. Dies nahm umsomehr wunder, als diese stolze und kirchlich gesinnte Kaiserin den Juden nicht - i *) D. h. Glaubeiisgericht. lateinisch actus fidei.