Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 2 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
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20 ~ riirfijjrlivßrf. 'Jaul)crv'1Mt von E. F. Vor etwa vier Jahrhunderten w. rden die in' Spanien lebenden Mauren und Juden vor die Wahl gestellt, das Christentum anzunehmen oder auszuwandern. Die Juden cVcr liebten ihr Vaterland ebenso warm wie ihreir Glauben'; auch be- ' asten viele von ihnen große Güter. Darum traf sie die grausame Bestimmting sehr hart. Schwe öerzens wunderten viele ans und suchten sith e neue Heimat. Andere ließen sich taufen, lebten aber insgeheim streng nach den Vorschriften ihrer Religion. Diese wurdet! Marranen genannt. Sie selbst aber nannten sich Anussim , d. h. „Gezwungene". Das geistliche Gericht, die Inquisition, hatte überall seine Spione und Schergen, welche die Juden bis in ihre geheimsten Verstecke, wo sie sich zur Ausübung ihrer Religion verbargen, verfolgten; und wehe dem, der angeklagt wurde, der war auch rettungslos verloren; denn wer bei Ausübung der religiösen Gebräuche betroffen wurde, der wurde aus martervolle Weise hingerichtet. Schon das Vermögen der augeklagten Marranen, das der Kirche zufiel, machte die Geistlichkeit lüstern, und schon deshalb gab es weder Verteidigung noch Erbarmen. Der Angeklagte war auch immer gleich der Verurteilte und mußte samt den Seinigen den Scheiterhaufen betreten. Ja man sammelte sogar die Verurteilten bis aus dreißig zusammen, um sie nach den gräßlichsten Martern an hohen Festtagen ans einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Ihr könnt euch denken, meine lieben Vefer, welch eilt trauriges Dasein diese Scheinchristen führten, da sie jeden Augenblick in Gefahr schwebten, entdeckt und verbrannt zu werden. Aber Tausende erlitten lieber einen qualvollen Tod, als daß sie von dem Glauben der Väter ließen. Dieser beklagenswerte Zustand erhielt sich noch lange Zeit. Die Obersten der geistlichen Gerichte, die Groß-Jnquisitoren, besaßen große Macht und hohes Ansehen. Besonders war es der Groß-Jnquisitor Diego de Aguilar um das Ende des vorigen Jahrhunderts, der ein so großes Ansehen genoß, daß selbst hohe Fürsten ihn besuchten und bei ihm speisten. Als Kaiser Earl VI. mit seiner Tochter Maria Theresia in Madrid weilten, besuchten sie auch den Groß-Jnquisitor und waren bei ihm zu Tische. Der Kaiser war guter Laune und fragte die junge Prinzessin; „Mein Kind, was für ein Andenken wirst du unserm Wirt zurücklassen?" Die Prinzessin war jedoch nur einfach gekleidet und ohne Schmuck erschienen, deshalb zog sie einen Handschuh ab und überreichte ihn dem Inquisitor mit den huldreichen Worten: „Gegen diesen Handschuh könnt Ihr jede Gnade von mir erbitten, wenn Ihr vielleicht einmal einer solchen bedürfen solltet." Wohl dachte der Furchtbare bei sich: „Wie, ich einer Gnade bedürfen/" Er, der Gewaltige^ der selbst nie Gnade geübt, der Hunderte martern und stoben ließ,