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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 1 (1895) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
1 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 10 (sequence 26)
Language
German
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10 Helle Thränen ihm über die welken Wangen rollten. Als Herrmann im weitern Gespräch sich nach Mar erkundigte, klaffte die Herzenswunde des unglücklichen Vaters von neuem auf — er sank ohnmächtig zurück Doch bald erbolte er sich und das matte Auge nach oben gerichtet, sprach er mit zitternder Stimme, die Herrmann wie ein spitzer Dolch in das Herz drang: „Er ist der Ewige, er thne, was ihm wohlgefällt!" Eine lange Panse ernsten Schweigens war cingetreten, während welcher Herrmann den Kranken mit unsäglicher Wehmut betrachtete. Allerhand Gedanken gingen ihm dabei durch den Kopf. Was mochte wohl vorgefallen sein? Eine finstre Ahnung stieg in ihm auf, die er nur zu bald bestätigt fand. Der Kranke war eingeschlnmmert und Herrmann begab sich in das Nebenzimmer, wo Frau Freudenstein und ihre beiden Töchter sich anshielten. Auch auf ihren Gesichtern prägte sich tiefer Kummer ans, dessen Ursache sie unter Thränen ihrem Freunde offenbarten. Entgegen seinem Plan, mehrere Tage in seiner Heimat zu weilen, rüstete Herrmann sich schon am zweiten Tage zur Abreise. Wie anders war der Abschied dieses mal als der vor etwa 6 Jahren. Damals zog Herrmann ans, ein schwacher, Hilfe und Trost bedürftiger Knabe jetzt ein stattlicher, kräftiger Mann mit sicheren Plänen und festen Entschlüssen und bereit, alles daran zu setzen, seinen geliebten Lehrer wieder glücklich zu machen und ihn für das erlittene Ungemach zu entschädigen. Aber er baute nicht aus seine eigene Kraft, sondern er vertraute auf Gott, den gnädigen Lenker der Geschicke, um dessen Hilfe er inbrünstig flehete: „Du großer, gütiger Gott, der Du unseren Vorfahren Deine Lehre als Leuchte für ihren Lebensweg gegeben hast, damit sie das Mchte finden und das Böse meiden, zeige auch mir den rechten Weg zu ihm, der Dmum Pfad verlassen nnd so großen Kummer über seine Eltern gebracht hat!" Kaum hatte Herrmann, in Berlin angelangt, sich eine Wohnung gemietet und se>ne Werkstatt eingerichtet, machte er sich auf, um den Aufenthalt Marens zu ermitteln. So hatte er schon fast eine Woche neben der Wahrnehmung seiner gep,östlichen Obliegenheiten, denen er nur einen Teil seiner Zeit widmete, alle er -chbaren Mittel angewendet, um Max aufzufinden. Aber vergebens. Trotz er -en Suchens und Forschens war es ihm nicht einmal gelungen, auch um oie Spuren zu finden, die zu den: Gesuchten führen konnten. Mißmutig über die Erfolglosigkeit seiner Bemühung, aber nicht hoffnungslos saß er an änem Nachmittag sinnend in seinem Arbeitszimmer. Da pochte es leise an die Thür Erfuhr erschrocken auf, lief hin und öffnete. Vor ihm stand ein junger Mensä' it magern bleichen Wangen, wirrem Haar und zerrissenen Kleidern. E' zitterte vor Kälte nnd Hunger, und ohne den Blick zu heben, flehte er um eine milde Sabe. Herrmann griff sogleich in die Tasche. Doch indem er die Gabe hinreichte, bickte er den jungen Menschen genauer an. Da plötzlich wurde er selbst starr und beich.

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