Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 1 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9620171-9621231-9626686--0027-9626693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
7 auf Anraten seiner Kollegen zuletzt sogar widcrsetzen zu müssen glaubte, so wurde er eines schönen Tages entlassen. — Der teuflische Plan seiner Neider war gelungen, Max war ein Opfer seiner Schwäche, seiner geringen Widerstandsfähigkeit geworden. Während er früher streng nach den Satzungen des israelitischen Glaubens gelebt, gab er jetzt einen religiösen Brauch nach dem andern ans teils aus Leichtfertigkeit und Bequemlichkeit, teils aus falscher Furcht, von seinen nichtjüdischen Collegen abzustechen. Aber mit der Außerachtlassung der religiösen Gebräuche ging ihm zuletzt die Religion selbst verloren — ihm fehlte jetzt jeder moralische Halt. Gin gar trauriges Leben beginnt jetzt für den beschäftigungslosen Jüngling. Seine Briefe an seine Gltern wurden immer flüchtiger und seltener und blieben zuletzt ganz ans. Wohl bemühte er sich, in einem Bankgeschäfte Anstellung zu erlangen; als ihm dieses aber nicht gelang, hätte er irgend eine andere Beschäftigung gern angenommen; aber vergebens. Immer wurde ihm bedeutet, daß bei der Fülle von Stellungsnchendcn nur diejenigen ans Anstellung rechnen dürfen, die sich über gute Führung answeisen können. Seine leichtsinnige Lebensweise hatte gar bald die geringen Ersparnisse anfgebraucht, und nun brach die Not mit Riesenschritten über ihn herein. Die bessern Kleider, Wäschestücke, Bücher u. s. w. waren schnell verkauft oder verpfändet; ja selbst die Uhr, die er von den Gltern als Confirmationsgeschenk erhalten hatte, wollte er jetzt veräußern. Auf dem Wege zum Trödler begegnete ihm ein loser Geselle, mit dem er in der letzten Zeit öfter in der Volksküche zusammen getroffen. Mit diesem suchte er ein von anständigen Leuten gemiedenes Gasthaus ans. Nachdem sie sich am Branntwein berauscht, ging sein Begleiter lärmend hinaus. Max war aus einer Bank eingeschlafen. Als er dann erwachte, griff er nach seiner Uhr. Lange war sein stierer Blick aus diese gerichtet. Plötzlich fing er bitterlich zu weinen an. „Ach meine guten, armen Eltern," schluchzte er vor sich hin, „wie habe ich Euch betrübt! Ach ich bin ja nicht wert, Euer Kind zu sein; werdet Ihr mir wohl verzeihen können?" So sprach er zu sich selbst, während heiße Thränen über seine bleichen Wangen flössen. Er hielt den Kops in beiden Händen und blickte unverwandt ans die vor ihm liegende Uhr „Was sauge ich nun an? Wo ist Rettung für mich? Ach, ich Elender! O könnte ich vor Dir, mein geliebter ^Vater, niedersallen und Dich um Vergebung bitten! O könnte ich den Saum ^Deines Kleides küssen, Du gute Mutter!" Der Gedanke an seine Eltern ließ ihn am ganzen Körper erbeben. Doch ihm fehlte die sittliche Kraft, um sicq aufznraffen und den Weg der Besserung zu betreten. * * Die Nachricht des Herrn Grunwald über die Entlassung Maxens und die Gründe dafür versetzten, wie ihr, meine Zungen Freunde, euch woh! denken könnt, die Familie Frendenstein in tiefe Trauer. Ach, nichts bereitet den Eltern größern