Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 1 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9620171-9621231-9626686--0026-9626692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 zu genießen pflegen. Seiner Zufriedenheit mit der Führung und den Leistungen Maxens gab der Bankier in Briefen an den Lehrer Frendenstein des öftern freudigen Ansdruck. Wie glücklich waren da die Eltern, wenn ein Brief ans Berlin anlangte, der fo erfreuliche Mitteilungen über den geliebten Sühn enthielt! Was wunder, wenn sie die schönsten Hoffnungen für die Zukunft ihres Sohnes hegten? Und die liebevollen Briefe Maxens, die Versicherungen ewiger Dankbarkeit und das Versprechen, stets ein braver, strebsamer Mensch zu sein und die zahllosen Wohlthatcn den Eltern vergelten zu wollen, bestärkte diese in ihren frohen Erwartungen. Aber seine bevorzugte Stellung sollte ihm zum Fallstrick werden. Mit scheelen Augen hatten einige Angestellte desselben Geschäfts beobachtet, wie Max ihnen vorgezogen wurde, und unter der Maske liebenswürdiger Freundlichkeit gelang es ihnen, gar bald den unerfahrenen Jüngling in das Netz zu locken, das sie ihm gestellt hatten. Sie schilderten ihm in den rosigsten, verlockendsten Farben das Leben und Treiben in ihren Vereinen und luden ihn in zudringlicher Weise zu den Vereinsabcnden ein. Max war gewöhnt, seine Mußestunden entweder bei belehrenden Schriften, in einer befreundeten gebildeten Family oder im Theater mnd Konzert zu verleben. Doch das wurde jetzt anders. Dem M) immer wiederholenden Bitten der Eollegen konnte er zuletzt nicht mehr widerstehen und folgte eines Abends ihrer Einladung. „Eine recht nette Gesellschaft", dachte Max, als er den Frohsinn, ja die Ausgelassenheit der jungen Leute sah. Und da ihm fleißig 'zugetrunken wurde, so glaubte er, im Biertrinken nicht zurückstehen zu dürfen, um sich nicht der Spottlnst der „Vereinsbrüder" ansznsctzen. Gegen Tagesanbruch suchten die „lustigen Brüder" ihr Lager ans. Doch die Pflicht ließ sie nicht lange ruhen. Mit schwerein Kopse begaben sie sich an die Stätte ihres Berufes. Max siel es schwer, seine Pflicht zu erfüllen, die entbehrte Ruhe hatte ihm die Klarheit des Kopses und die Arbeitslust genommen. Als er sich über sein Unbehagen mit seinen Eollegen anssprechen wollte, lachten diese herzlich und nannten ihn einen Schwächling, der nicht einmal ein paar Glas Bier vertragen und einige Stunden Schlaf entbehren könne. Der irregeleitete junge Mann empfand infolge dieser Neckerei eine falsche Scham, die in ihm den unglückseligen Vorsatz erweckte, seinen Eollegen zu beweisen, daß er ihnen nicht nachstehe. So sehen wir Max öfter in den verschiedenen Vereinen, in denen Unsittlichkeit und lasterhafte Lebensweise eine traurige Heimstätte gesunden batten. Seine Eollegen jubelten im stillen, als sie sahen, daß Max infolge seines jetzigen Lebenswandels im Geschäfte nachlässiger und pflichtvergessener wurde, so daß er sich bereits einen Tadel seines Ehess zngezogen hatte. „Das darfst du dir nicht bieten lassen," saglln sie zu ihm, „wie darf es Herr Grnnwald (so hieß der Ehest wagen, einen jungen Mann so anzusahren! Das darfst du dir nicht gefallen lassen." Da aber in dem Verhalten Marens keine Besserung eintrat, er vielmehr durch sortgeseßte Unregelmäßigkeit und Schlaffheit fortwährend zu Rügen Anlaß gab, denen er sich