Mannheim
Compact Memory

Blätter der Jüdischen Buchvereinigung · 1936-09-01 · 2 (9.1936) · p. [Seite 13]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
Volume
3 (1936)
Issue
2 (9.1936)
Date
1936-09-01
Page
[Seite 13] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9626633-9633726-9626584--40-9626597
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Das stets bei der Fragestellung nach jüdischer Kunst erwähnte Bildverbot wird in dem Kapitel über „Religion und Kunst" behandelt, wobei die sehr feinen Ausführungen Krautheimers über den Unterschied zwischen Kunstfeindlichkeit und Kunstgleichgültigkeit hier nur aus der Fülle der Probleme erwähnt sein mögen. Aus dem Abschnitt über die „antike Synagoge", in dem mit großem historischen und jüdischen Wissen ein Einblick in die gesamte Problemstellung unserer frühen Kultstätten gewährt wird, sei vor allen Dingen auf Krautheimers deutliche Unterscheidung zwischen dem „Tempel" und der „Synagoge", ihrer kultischen und damit auch baulichen Differenziertheit hingewiesen. Bei den prinzipiellen Ausführungen über die „mittelalterliche Synagoge" interessieren besonders die Auseinandersetzungen über die Verschiedenheit der Funktionen der Synagogen als öffentliche Gebäude gegenüber den christlichen Kultbauten und die Frage nach dem geforderten architektonischen Mittelpunkt, d. h. dem Kampf zwischen Bima (Almemor) und Aron hakodesch; diesen „Kampf" bezeichnet Krautheimer als „Ausdruck eines tieferliegenden Ringens zwischen den magisch-sakralen und den rationalprofanen Momenten des Gottesdienstes". In dem ausführlichen Teil „Beschreibung der mittelalterlichen Synagogen" gibt der Autor eingehende kunsthistorische Analysen der untersuchten Baulichkeiten — neben den Synagogen selbst werden auch die mit diesen zusammenhängenden Bauten, wie z. B. die Mikwot (rituelle Frauenbäder) behandelt —, wobei stets auch die gleichzeitige Umweltarchitektur mitherangezogen wird. Daß hierbei mit genauester Sach- und Fachkenntnis gearbeitet wird, ist bei Krautheimers wissenschaftlichem Ernst selbstverständlich. Zahlreiche Grundrisse, sowie Außen-, Innen- und Detailaufnahmen verdeutlichen die gemachten Angaben, so daß dem Leser genaue Kenntnis der behandelten Bauten, von den Urkunden ihrer Entstehungszeit bis zu ihrer heutigen Wertung, vermittelt wird. Sehr genaue Anmerkungen sowie ein gründliches Literaturverzeichnis ergänzen Krautheimers Arbeit. Lotte Pulvermacher Abraham Heschel: Die Prophetie. Verlag der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Krakau 1936. Zu beziehen durch den Erich-Reiß-Verlag, Berlin. Heschel, dessen ausgezeichnetes Buch über Maimonides fast künstlerisch zu nennen ist, wählt hier, wohl mit Rücksicht auf den akademischen Ort eine streng wissenschaftliche, beinah trockene Form der Darstellung. Auf den Inhalt kann hier leider nicht näher eingegangen werden. Nur soviel sei gesagt, daß H. die Erklärung der jüdischen Prophetie aus der Ekstase mit manch anderen Forschern (beispielsweise Elias Auerbach) entschieden ablehnt: die jüdischen Propheten haben in klarem Bewußtsein gehandelt und geredet. H. baut eine Theorie, „Die Religion der Sympathie", auf. Die Propheten fühlten sich in das Wesen Gottes hinein, fühlten mit, wenn er, vor allem durch die Sünden Israels, betroffen wurde, und traten eben als seine durch ein überwältigendes Bewußtsein ihrer Mission berufene Stellvertreter auf. Diese Theorie scheint uns zutreffend. Sie kommt auch dem Rätsel der jüdischen Prophetie bei, deren Intensität sich eben aus dem ungewöhnlich starken Gefühle der Verbundenheit Israels mit Gott erklärt. Dadurch weist sie übrigens auch die übliche Theorie von „dem Universalismus" der jüdischen Propheten in gebührende Schranken. Elias Hurwicz Alfred Wolfenstein: „Die gefährlichen Engel." Verlag Julius Kittels Nachfolger, M.-Ostrau—Leipzig. Das neue Buch des aus Berlin stammenden jüdischen Dichters ist in Art und Form der Literatur, die es bietet, eigenartig und neuartig. Nach mehreren Gedichtbänden, gleich wertvoll an Ethos wie Ausdruck, nach einigen Schauspielen und wohlgelungenen Übersetzungen von Werken Shelleys, Verlaines, Rimbauds, veröffentlicht Wolfenstein im Alter von fast 5o Jahren seinen ersten Erzählungsband. Man wird vielleicht erwarten, daß der seit einem Vierteljahrhundert schöpferisch und anregend in der europäischen Literatur vielseitig arbeitende Schriftsteller soviel Stoff und Wollen in sich gesammelt habe, daß ein großer Entwicklungs- und Zeitroman entstanden wäre. Aber dieser kleine Prosaband von i5o Seiten enthält nichts anderes als 3o Kurzgeschichten, deren jede etwa 3—8 Seiten lang ist. Jede liest sich spannend und gibt sich scheinbar in der Art jener shortstorys der Tageszeitungen. Doch bei näherem Zusehen ergibt sich, daß sich hinter der lockenden Form und dem erregenden Inhalt noch ein anderes birgt. Jede Kurzgeschichte ist nämlich zu einem besonderen Kunstwerk geworden, das, wie alles, was Wolfenstein geschrieben hat, seelisch und sittlich erhellend, aus der Tiefe in die Tiefe wirkt. Das Leitmotiv, das durch fast alle diese Geschichten klingt, deutet der Titel „Gefährliche Engel" an, den Wolfenstein am deutlichsten mit diesem Satz erklärt: „Sind die Menschen nicht wie Engel, die sich mitten im Leben immer wieder die Flügel herunterreißen und diese Flügel in ihren Händen wie scharfe, gefährliche Wappen gegeneinander schwingen?" Von jeder Geschichte kann man sagen: es steckt etwas dahinter. Und alle Geschichten zusammengenommen, die in allen Teilen der Erde spielen, ergeben eine weite und geheimnisreiche Welt. Dies Geheimnis ist aber nicht im Kriminellen, im Abenteuer begründet, sondern gerade in der Hintergründigkeit, in der allmählich aufkeimenden ethischen Erkenntnis. Spätere Untersuchungen werden ergeben, daß die Werke jüdischer Dichter deutscher Zunge in diesem Zeitalter viel mehr spezifisch Jüdisches — jenseits des Stofflichen — in der geistigen Formung und im ethischen Gehalt mit sich tragen, als man bisher geahnt hat. Und so bilden auch diese 3o kurzen Geschichten Wolfensteins, wiewohl sie kaum jüdische Themen enthalten, ein sehr jüdisches Buch mit der klugen, manchmal geklügelten Pointierung, mit der Sucht nach sittlicher Belehrung, mit der Thematik, die hinter dem anekdotischen Beispiel ein moralisches Allgemeines erblicken läßt. K. P. NEUSTADT & SOLDIN PAPIERGROSSHANDLUNG Gegründet 1895 Berlin SW 68 * Alexandrinenstr. 105/06 Tel.: A7 Sammel-Nr. 2458 P^fUece xMw Ad für Druckerei- und Bürobedarf vom Lager und auf Anfertigung 13

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.