Mannheim
Compact Memory

Blätter der Jüdischen Buchvereinigung · 1936-09-01 · 2 (9.1936) · p. [Seite 12]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
Volume
3 (1936)
Issue
2 (9.1936)
Date
1936-09-01
Page
[Seite 12] (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9626633-9633726-9626584--39-9626596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Mutter des Herodes verstanden es aber, den einmal erwachten Argwohn des Königs immer wieder anzufachen und auf die Spitze zu treiben, bis er sich in der grausamsten Weise — in der Hinrichtung der Königin entlud. Aber damit nicht genug. Das ausgedehnte Spitzelsystem, das Herodes einführte, sorgte dafür, daß sein Verdacht sich auch auf die beiden Söhne Mariamnes übertrug. Alle drei begeben sich zunächst zu Augustus nach Rom, wo es zu Auseinandersetzungen kommt, die stark an die langen Reden der Helden Homers vor dem Zweikampf erinnern, und die sicherlich eine Erfindung von Flavius sind. Noch werden die beiden Söhne verschont. Allein Antipater, Herodes' Sohn aus erster Ehe, gelingt es, die Stiefbrüder beim Vater in immer tiefere Ungnade zu bringen, bis auch sie die Hand des Henkers erreicht. Doch wieder beginnt die Spitzelmaschine zu arbeiten, und in ihre Fangarmc gerät schließlich auch Antipater selbst. „Ein unnatürliches Schauspiel, einen Vater — der bald darauf verstarb — derart wüten zu sehen gegen die eigenen Kinder!" Einen „Roman, den Josephus in sein historisches Werk eingeflochten hat", nennt bin Gorion diese Erzählung in seinem Nachwort. Josephus ist unsere einzige Quelle. Und wenn diese auch nicht in allen Einzelheiten historisch verbürgt ist, die Erzählung kann doch wenigstens für sich hohe psychologische Wahrscheinlichkeit beanspruchen. Elias Hurwicz Elias Bickermann: Die Makkabäer. Bücherei des Schocken Verlages. Diese Darstellung der Makkabäergeschichte auf 7b Seiten ist das Geschichtswerk über die 100 Jahre jüdischer Geschichte, von den Anfängen des Hasmonäerhauses bis zu seinem Untergang, geworden. Die wenig übersichtlichen Zusammenhänge werden klargelegt, die Bedeutung dieses jüdischen Vorganges innerhalb der Entwicklung des Judentums wie im Rahmen der Zeitgeschichte vorbildlich herausgestellt, ein Mikrokosmos im Makrokosmos jüdischer Sendung und jüdischen Schicksals. Die landläufige Meinung geht dahin, daß die Abwehr des Griechentums durch die Makkabäer ein Beweis seiner Unvereinbarkeit mit dem Judentum sei. Bickermann weist überzeugend nach, daß fast das Gegenteil der Fall war: das Zeitalter der Makkabäer, das fünf Generationen umfaßt, ist keine Einheit. Am Anfang steht der Messianismus eines Daniel, der sich nur von Gott eine Errettung der Juden aus ihrer Notzeit verspricht, am Ende steht an Stelle der jüdischen Theokratie ein hellenistisches Fürstentum, die Makkabäer-Priester sind Herrscher geworden, dazwischen aber liegt die erste Verweltlichung des jüdischen Messiasgedankens. (Die Zerstörung Jerusalems durch Titus ist das Ergebnis dieser ,,Hybris".) Mit ihren späteren Besiegern haben die Juden gemein, daß sie sich gegen das universale „Sich-Vergriechen" auflehnten, das den Römern gleichbedeutend war mit „verlottern". Und beide sind auf ihre eigene Weise damit fertig geworden. Die Römer als Beherrscher auch einer hellenistischen Welt, wenn auch zum Teil unter Preisgabe ihrer nationalen Religion; die Juden, indem sie der Welt den Monotheismus erhielten, nicht durch Sich-Verschließen, das sie wie die Ägypter und andere orientalische Völker rückständig gemacht hätte, sondern indem sie dem antijüdischen Hellenismus ein Ende für immer bereiteten, sich aber jenen hellenischen Zeitgeist einverleibten, der das Judentum bereicherte und vor Erstarrung rettete, die eine nicht minder große Gefahr war als die Auflösung. L. W. ISachum Gidal: „Jüdische Kinder in Erez Israel.1' Brandussche Verlagsbuchhandlung, Berlin. Dies Heft nennt sich „Ein Fotobuch", und es ist in jeder Hinsicht merkwürdig. 20 perforierte Kartonblätter sind hier auf eine dünne Drahtspirale geheftet, so daß sich jedes einzelne Foto auf jedem dieser Blätter bequem und selbständig aufschlagen oder heraustrennen läßt. Jedes Foto zeigt ein Bild aus dem Leben der Kinder in Palästina mit ungewöhnlicher Eindringlichkeit: es sind Großaufnahmen von Kindern, die gar nicht wußten, daß sie fotografiert wurden. Kinder schauen dich an, — aber sie ahnen nicht, daß ein Erwachsener sie mit der fotografischen Linse, meist heimlich aus der Tasche, anschaute, und daß sie von uns in Europa angeschaut werden sollten. Fünf Jahre lang hat Nachum Gidal hunderte von Kinderaufnahmen in Palästina gemacht, aus denen die bezeichnendsten hier zusammengestellt sind, um zu zeigen, wie Bertha Badt-Strauss in ihrer mit dem Auge und dem Herzen zugleich geschriebenen Einleitung sagt, daß ,,Kinder es sind, die diesem alt-neuen Lande das Gepräge geben. Gelingt es, das Bild der Palästina-Kinder treulich wiederzugeben, so bekommen wir ein Bild des Landes, wie es uns kein Reisebuch bietet." Und es ist Gidal gelungen, dies Land der Kinder lebendig zu machen, bei Arbeit und Spiel, auf dem Lande und in der Stadt. Zwar blickt uns aus fremdartigem Gesicht, mit fremdartigem Auge auch ein jemenitisches Judenkind an, aber sonst werden fast durchweg Kinder westlicher Eltern gezeigt, um zu erweisen, wie schnell und wie völlig diese Kinder mit der palästinensischen Umwelt eins werden. Man erkennt, daß hier ein einheitlicher Menschenschlag heranwächst: gesunde, selbstbewußte, frohe, lebenstüchtige Kinder, denen das Land der Väter so sehr zur Heimat geworden ist, als hätte keiner ihrer Vorfahren jemals auf anderer Erde gelebt. Auch in technischer Hinsicht sind diese Bilder außerordentlich geglückt; wunderbar klar und plastisch formen sich aus schwarz und weiß die Kindergesichter, in denen sich Schicksal lesen läßt. Und wenn sie von Licht und Land, von Straße und Meer gerahmt sind, so sehen wir nicht nur jüdische Kinder in Palästina, — wir sehen das neue Palästina selber. —s. Richard Krautheimer: Mittelalterliche Synagogen. Frankfurter Verlags-Anstalt, Berlin. 1927. Krauthehners umfassende Arbeit über ,,Mittelalterliche Synagogen" ist bereits 1927 erschienen und bedeutet Fachkreisen schon seit langem ein wichtiges Nachschlagewerk. In der heutigen Zeit, in der die Frage nach einer jüdischen Kunst von vielen Seiten gestellt wird, scheint ein Hinweis auf dieses Werk notwendig. Krautheimers Ansicht über die behandelten Synagogen — den ,,Synagogenbau des mittelalterlichen Judentums im mittleren Europa", d. h. Deutschland, Polen, Tschechoslowakei — lautet mit seinen eigenen Worten: ,,Die Synagogenarchitektur bildet baugeschichtlich kein Sondergebiet. Sie schafft Bauten für den jüdischen Kultus, keine jüdischen Bauten". Wie der Verfasser zu dieser Ansicht gelangt, ist in den ersten drei Kapiteln des Buches dargelegt: „Religion und Kunst — Die antike Synagoge — Die mittelalterliche Synagoge". Nicht formale Gesichtspunkte allein können bei dieser Betrachtung mittelalterlicher Synagogen leitend sein, sondern religiöse, soziale Probleme spielen eime ebenso wichtige Rolle. 12

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.