Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 2 (9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- [Seite 11] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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BucU^^xcUilh^CH Johann Gottfried Herder: „Blätter der Vorzeit." Bücherei des Schocken Verlags, Berlin. Fritz Bamberger gibt diese versteckten und verschollenen kleinen jüdischen Prosa-Dichtungen und Fabeln Herders als Schocken-Büchlein heraus und erklärt in seinem wissens- und aussichtsreichen Nachwort die noch anhaltende Wirksamkeit dieses Theologen, der zugleich Wissenschaftler und Dichter war, aus seinem einheitlichen neuen Welt-Bild, in dem man ,.die Wirksamkeit des Geistes weit über alle ihm bisher zugewiesene Grenze spürt". Weiterhin erinnert Bamberger daran, daß für Herder ,,bevorzugte Quelle solcher Bildung immer das jüdische Altertum gewesen ist". Während anzunehmen ist, daß heute mancher Jude die verehrungsvolle und verehrungswürdige Schrift „Vom Geist der ebräischen Poesie" dieses bibelbegeisterten Protestanten wieder vornimmt, wird kaum jemand die Vorstudien zu diesem Werk heraussuchen: eben diese „Dichtungenaus der morgenländischen Sage", „Zerstreute Blätter", „Jüdische Parabeln", die 1781, 1787, 1802 im „Teutschen Merkur" und der „Adrastea" veröffentlicht wurden. Freilich hat Herder, wie er selbst bekennt, nur wenige „ganz in der Tradition gegeben". Die meisten hat er völlig neu geformt, aus verschiedenen Bestandteilen zusammengefügt oder aus kleinen Teilen heraus gebildet. Und wenn manches auch christianisiert erscheint, so ist doch, jenseits des Stofflichen, viel wirklich Jüdisches in Herders eigenen und eigenartigen Umdichtungen erhalten. Diese in edelstem Deutsch geschriebenen Legenden, Sagen, Parabeln bewegen uns in doppelter Bedeutung: als unvergängliche jüdische Substanz und in ihrer Wirkung auf die Weltliteratur. kP. Scholen! Alechem: „Arm und Reich." Zwei Erzählungen. Bücherei des Schocken Verlages. Hier werden zwei kleinere, wenig bekannte Erzählungen des größten jüdischen Humoristen (aus dem Jiddischen übersetzt von Fega Frisch) geboten, die das Wertvollste seines Wesens in konzentrierterer Gestalt bieten, als seine viel berühmteren Werke „Menachem Mendel", „Stempenju", „Tewje, der Milchhändler". Mit diesen Geschichten leuchtet er tief in seine Kunst hinab, weil er mit ihnen tief in Sein und Art der russischen Ghetto-Juden hinableuchtet, die er gerade dann am treffendsten, am beweglichsten und bewegendsten schildert, wenn sie möglichst unter sich bleiben. Zwar werden auch in diesen beiden Erzählungen seine Juden im Zusammenprall mit der anderen Welt gezeigt: In „Per Schub", wenn die Tepliker mit der Polizeigewalt zusammenstoßen und der Polizeihauptmann drei harmlos Widerspenstige, den reichen Scholem Beer, den lustigen, hinkenden Habenichts Berl und den blöden Stammler Henoch Tellerlecker auf den Schub ins Gefängnis von Heißin bringen läßt; in den „Abgebrannten", wenn die „Erwählten" seines Lieblingsstädtchens Kassrilowka, das niedergebrannt ist, zur großen Stadt Jehupez, d. i. Kiew, pilgern, um dort, von den Reichen Gaben erbittend, als verdächtig festgenommen zu werden. Aber das Merkwürdige und Heiter- Rührende ist jedesmal, daß diese Außenwelt gar nicht in die Gesinnung und Gesittung dieser Juden einzudringen vermag. Sie wurzeln so fest in der traditionellen, engen und doch drollig-vertieften Anschauung ihrer Ghettostädtchen, daß ihnen nichts geschehen kann. Ob drin oder draußen, sie bleiben im Ghetto, also in sich selbst!. Und dieser selbstverständliche und unverrückbare ethische, religiöse, menschliche Standpunkt in allen Wirren, Mißverständnissen und Abenteuern ist immer der Ausgangspunkt von Scholem Alechems zartem Humor, der niemals bitter oder angreiferisch wird, auch wenn er Erbarmungswürdiges, Entartetes, ja Bösartiges darstellt. In unserem Lachen über diese verschrobenen Leutchen schwingt immer ein Mitgefühl, denn immer läßt uns der Dichter (er ist ein Dichter) empfinden, warum sie wurden, wie sie sind, und daß sie nicht mehr sie selbst wären, wenn sie sich änderten. K.P. Flavius Josephus: Das Haus des Herodes. Zusammengestellt und übersetzt von Emanuel bin Gorion. Bücherei des Schocken Verlages. Es war ein guter Einfall Emanuel bin Gorions, aus den Werken von Josephus Flavius vier Abschnitte zusammenzustellen, die sich auf die häusliche Tragödie des Herodes beziehen. Was dabei herauskam, liest sich wie ein Kriminalroman. In der Zeit des Herodes begann Judäa bekanntlich immer mehr in die Klauen des römischen Adlers hineinzugeraten. Rom bleibt indessen in dieser Zusammenstellung im Hinter gründe, in den Vordergrund tritt aber das unglückselige Familienleben des Herodes. Den Stein bringt ins Rollen der Argwohn des Herodes gegen seine (zweite) Frau, die Hasmonäerprinzessin Mariamne. Es ist ein politischer Argwohn, bedingt durch die edomitische Abstammung des Herodes, der immer das gefährliche Wiederaufflammen der Liebe des Volkes zur früheren Dynastie befürchtet. Meisterhaft schildert Flavius das eheliche Verhältnis, nachdem der Argwohn recht greifbare Formen angenommen: „Herodes war ganz unglücklich, erkennen zu müssen, daß die Frau ihm unvermutet gram war und das gar nicht zu verhehlen suchte, und er litt großen Kummer um das, was er an ihr erfuhr. Dabei quälte ihn zugleich die unbändige Liebe zu ihr, er zürnte ihr und versöhnte sich wieder mit ihr, und keines dieser Gefühle war von Dauer; er wurde von der einen Empfindung in die entgegengesetzte gerissen und hatte von beiden die gleiche Pein..." Die Schwester und die Max Lichtwitz BUCH- UND STEINDRUCKEREI seit 7862 fckoMtl düccU (iiUdiiäUdmck Berlin SW19, Neue Grünstr. 30 FERNSPRECHER: A 6 MERKUR 2936 11