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Blätter der Jüdischen Buchvereinigung · 1936-09-01 · 2 (9.1936) · p. [Seite 9]

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Journal
Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
Volume
3 (1936)
Issue
2 (9.1936)
Date
1936-09-01
Page
[Seite 9] (sequence 9)
Language
German
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Richard Beer-Hofmann Von Paul Mayer „Daß Treue auf der Welt ist, läßt leichter leben uns — mag sein, auch leichter sterben." Aus dem „Vorspiel auf dem Theater zu König David"' Das Werk dieses Dichters, wenigstens das veröffentlichte, besteht außer einem ganz frühen Novellenband aus drei Dramen, der Erzählung „Der Tod Georgs", dem ,,Schlaflied für Mirjam", der ,,Gedenkrede auf Wolfgang Amade Mozart" und dem erst in den letzten Monaten bekannt gewordenen „Vorspiel auf dem Theater zu König David". Unendlich viel hat Beer-Hofmann zu sagen, deshalb vielleicht hat er so wenig geschrieben. Äußeren Erfolg schuf ihm das vielgespielte Trauerspiel „Der Graf von Charolais". Sein Ehrgeiz zielte aber nicht ins Breite, wobei zu fragen bleibt, ob das Wort Ehrgeiz überhaupt Sinn hat bei einem, der mehr hat als Begabung, nämlich Berufung, bei einem, dem die eigene Kunst mehr ist als ein noch so sublimes Spiel, nämlich ein Weihe-Spiel. Eine Beer-Hofmann-Mode hat es nie gegeben und kann es nie geben. Eine Gestalt wie seine hat einer Zeit, die an ihrer Gottlosigkeit litt und bisweilen mit ihr kokettierte, bewiesen, daß der Geist weht, wo und wann er will, und daß Dichter, die gleichzeitig Bekenner und Propheten sind, nicht nur mythischen Zeitaltern angehören. Wenn wir den noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts veröffentlichten „Tod Georgs" lesen, so enthüllt sich uns eine Seelenlandschaft, die der, die uns Schnitzler und Hofmannsthal gezaubert haben, nicht unähnlich ist. Wenn hier von der ruhevollen Schönheit der Dinge die Rede ist, „über die das Leben noch nicht gekommen war und sein bißchen Atem", so mögen Bekundungen einer solchen seelischen Haltung sich nicht sonderlich von Wendungen abheben, in denen damals das für Eindrücke vieler Kulturen aufnahmebereite literarische Wien seine Melancholie, Abkehr vom Alltag und Schönheitsdurst zu äußern pflegte. Aber wir sind bis ins Herz getroffen, wenn der Dichter unbeirrt von Tendenzen und Neigungen jener Jahre seine Ahnen aufruft: „Vorfahren, die irrend, den Staub aller Heerstraßen in Haar und Bart, zerfetzt, bespien mit aller Schmach, wanderten .....nicht in bettelhaftem Sinn ihren Gott ehrend nach dem Maß seiner Gaben; in Leiden nicht zum barmherzigen Gott — zu Gott dem Gerechten rufend." Schon hier ist Aussage und Bekenntnis, was sich später zur Gestaltung verdichten, zum Preislied verklären wird. Schon damals hat Beer-Hofmann, wie sein Brief an Theodor Herzl beweist, in ihm den Mann gesehen, der sein Judentum nicht nur als Bürde trägt, „sondern stolz ist, mit der legitime Erbe uralter Kultur zu sein". „Der Graf von Charolais" zeigt uns schon viel vom Wesen des Dichters, aber noch nicht sein Eigentliches. Die Fabel des Stückes, einem Drama der englischen Spätrenaissance entnommen, hat der Autor zum Gerüst einer Handlung gemacht, auf dem sich Szenen voller Leuchtkraft abspielen. Aus der Merkwürdigkeit des Motivs schafft er ein Seelengemälde, eine wahrhaft dramatische Auseinandersetzung um die menschlichen Werte an sich. Leidenschaften entstehen wie Naturgewalten, von des Dichters Kunst gelenkt, nie verkleinert. Der Schwerpunkt des Stückes liegt nicht in der Figur des roten Itzig, des Gläubigers, der dem Sohn des Vaters Leichnam nicht zur Bestattung herausgeben will. Wenn aber der junge Graf von Charolais, wie Max Piccolomini im Feldlager aufgewachsen, statt der Unrast ein Heim ersehnt, so kann gerade jüdisches Fühlen ihm folgen: „Heimat war nur ein Wort für mich, nur Laute zu leerer Form gefügt — und nie aus Eignem — könnt' ich ihm Inhalt geben..... .....Und Heimat sag' ich mit so fremder Zunge, als wär's ein Name unbetret'ner Küsten." Um Treue geht es auch in diesem Drama, aber erst um Treue der Menschen zueinander, noch nicht, wie später, um Treue in der Beziehung von Mensch zu Gott. Um einen Rechtsfall geht es auch hier, aber noch nicht um den Anspruch gottgeschaffener Kreatur, teilzuhaben am Rechte Gottes. Bevor Beer-Hofmann sich die großen Dichtungen abrang, in denen Menschen nur noch agieren, um Gottes Ruf hörbar werden zu lassen, grüßte er Mozart in seiner Gedenkrede. In diesem Intermezzo, das heiter und ernst zugleich ist, will er vergessen, daß er von viel zu viel Leid weiß. Niemals war er liebenswürdiger als in dieser Huldigungsrede auf den Musiker und Genius und auf seine Geburtsstadt Salzburg. Beer-Hofmann ist nicht etwa deshalb ein jüdischer Dichter, weil es bei ihm jüdische Gestalten und biblische Stoffe gibt. Nicht weil, sondern trotzdem und in der Art wie etr biblische Motive benutzt, beweist er, daß er es ist. Er besingt nicht die Wechselfälle nationalen Geschehens, er gibt einer Schicksalsgemeinschaft erst das Bewußtsein ihrer neuen, vielleicht uralten Bedeutung. Sein Werk selbst ist ein Herzstück des Judentums. Beer-Hofmann hat die geistig-seelische Sonderart des Judentums gedichtet. Warum ist Jaäkob in einem geheimnisvollen Sinne auserwählt?: „Weil er einhergeht voll von dunklen Fragen. . . . Und er vor aller Wesen Leid erblaßt." Obwohl ihm der gegen Gott rebellierende Engel Samael prophezeit, wie fürchterlich Gott mit ihm und seinen Nachkommen verfahren wird, bleibt Jaäkob dem mit Gott geschlossenen Bunde treu. „Jaäkobs Traum", diese Dichtung, die Beer-Hofmann ein Vorspiel nennt, ist ein Pandämonium, in dem nicht nur die Sterblichen, sondern Quellen, Steine und Engel reden, und einmal, ein einziges Mal die Stimme des Herrn. „Jaäkobs Traum" und die uns bekannten Teile des David-Zyklus sind Teile einer Mysteriendichtung, in der aus Gottes Gnade ein Dichter Gott von neuem schuf. Gleich seinem Stammvater Jaäkob ist auch David nicht loszureißen von Gott, mag er ihm auferlegen, was er mag. Ihm wird, gleich Hiob, alles genommen, woran sein Herz hängt. In seiner Verzweiflung wendet er sich an Ruth, die Moabiterin. Sie, die aus fremdem Stamme ist, erscheint als wahre Hüterin israelitischer Tradition. Auch sie ist eine Treue. Nicht so sehr durch ihr Tun, sondern durch ihr Sein dient sie dem Stamm ihrer Wahl und dem Gott dieses Stammes, um den dieser, oft treulos und rückfällig, immer wieder ringen muß. Ruth segnet den jungen David, der sich selbst nicht gehört, weil er aus der Sehnsucht von Geschlechtern erschaffen und verpflichtet ist, zu erleben, was die Besten erträumten. Durch den Mund eines Prophetenjüngers ruft der Dichter Beer-Hofmann uns zu: „Jisroel — muß Jisroels Taten tun." Es ist an uns, diesen Ruf zu verstehen. 9

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