Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 1 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- [Seite 7] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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hätte ich das ganze Gefolge in der Grube gesehen: da sind nur noch Zwerge, die den Bogen des Odysseus spannen wollen. Und sein Bruder Edmond de Goncourt sprach sich noch bündiger aus: Gegen ihn sind wir doch alle nur arme Handlungsreisende! Heinrich Heine hat sich in Frankreich nicht naturalisieren lassen, weil er ein deutscher Dichter bleiben wollte. Aber wie er in Paris sein Grab fand, so hat ihm die französische Literatur ungeachtet dieser Absage das Bürgerrecht verliehen, das er immer noch genießt. Die kürzlich verstorbene Dichterin Comtesse de Noailles hat ihn zusammen mit Francois Villon und Paul Verlaine gefeiert, es sind die drei Schmerzensmänner, die die echte Träne haben und mit ihr trösten. Et vous dont le destin fut tel Qu' il n'en est pas de plus cruel, Pauvre Henri Heine, Ni de plus beaux chez les humains, Mettez votre front dans mes mains, Pensons ä peine. Franz Werfeis neue Dichtungen Von Kurt Pinthus Als vor zehn Jahren Franz Werf eis „Gedichte" erschienen, 3oo Dichtungen, ausgewählt aus den 600 Gedichten seiner sechs bis damals in einem Zeitraum von 18 Jahren veröffentlichten Gedichtbände, da war es gewiß, daß er unter den heute in deutscher Sprache schreibenden jüdischen Dichtern der bedeutendste ist. Und doch finden sich in seinen vielen hundert Gedichten, in seinen zahlreichen Prosawerken und Dramen nicht allzuviele jüdische Motive. Umsomehr ist sein ungeheures Gesamtwerk durchwachsen mit Religiosität, Ethos, Formtrieb, Schauungs- und Anschauungswelt des Judentums, ja es ist so sehr aus und auf diesem Boden erwachsen, daß Werfel ohne das Judentum, wenn er auch manchmal zum frühen Katholizismus neigt, überhaupt nicht möglich wäre, sicherlich keinesfalls als der, welcher er ist und geworden ist. Der vor zelm Jahren erschienene Sammelband umfaßte einen so weiten Kreis der Themen und Formen, von den kleinen Erlebnissen des Kindseins bis zur Unendlichkeit kosmischer Visionen, daß eine Erweiterung nicht mehr möglich schien. Kürzlich veröffentlichte Werfel nach langer Pause ein neues Gedichtbuch, „Schlaf und Erwachen", das dennoch Reifung und Erweiterung zeigt, Erweiterung namentlich zum Judentum hin. Und seine letzte Dichtung, das ,,Bibelspiel": „Der Weg der Verheißung", ist vollends in jeder Hinsicht ein jüdisches Werk. Das Leitmotiv in Werfeis Gesamtdichtung ist, vom lieblichen Flötenton bis zum prophetischen Posaunenschall, die gottgewollte Liebe von Mensch zu Mensch, die Heiligung des Daseins durch Liebe... seit einem seiner frühesten Gedichte mit dem berühmt gewordenen Schlußvers: ,,So gehöre ich Dir und allen. / Wolle mir, bitte, nicht widerstehn! / Oh, könnte es einmal geschehn, / Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!" ... über den Ruf ,,Alles ist, wenn du liebst! / Gott strömt von Gnaden, wenn du es ihm gibst" ... bis zu dem jüngsten Buch mit der „Elegie der Schöpfungsliebe". Dies Buch ist noch einmal ein dichterischer Rückblick auf sein Leben und Erleben, aber alles ist geschaut und gesprochen aus einer seltsam unwirklichen Stimmung. So kehren 7