Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 1 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- [Seite 6] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Heine in Frankreich Von Arthur Eloesser Der Kritiker Sainte-Beuve, der um die Mitte des 19, Jahrhunderts in Frankreich die oberste Instanz bedeutete, sagt gewiß mit Recht, daß Heinrich Heine als ein unbekannter Schriftsteller nach Paris gekommen ist. Was wußte man in Frankreich von deutscher Literatur? Man hatte Goethes Werther wie in aller Welt und bis nach China mit Be-< geisterung empfangen, Napoleon, der damals selbst noch ein sentimentaler Liebhaber war, hatte ihn nach Ägypten mitgenommen. Dann wußte man etwas von Faust, der für einen reiferen Werther und einen noch entschiedeneren) Weltschmerzler gehalten wurde. Einige Übersetzungen, auch von Schiller, waren Emigrantenliteratur geblieben, wie es ja auch Frau von Staels Buch über Deutschland war. Wirklich ins Publikum gingen nur die Spukgeschichten aus E. T. A. Hoffmanns so meisterhaft gehandhabtem Zauberkasten. Als Victor Hugo nach seiner Meinung über Goethe gefragt wurde, sagte er: den brauche ich nicht zu lesen; ich kenne Schiller und das ist ja dasselbe. Trotzdem wurde die entstehende französische Romantik, die sich auf Shakespeare und Scott berief, auch von Deutschland her gestärkt; es gibt eben Einflüsse, die auch ohne genauere Kenntnisse wie durch atmosphärische Mitteilung in das geistige Leben einwirken. Heine fiel zunächst als ein Mann von Geist auf. Man sagte von ihm, ähnlich wie vor der großen Revolution vom Baron Grimm: Dieser Deutsche hat ja noch mehr Esprit als wir. Dann begann seine literarische Vermittlungstätigkeit zwischen Deutschland und Frankreich, und einige kleinere Leute, die aber wirklich deutsch konnten, wurden von ihm zur Ubersetzung seiner Prosaschriften angehalten. Die Entdeckung eines großen Lyrikers ist erst darauf gefolgt, ein um so merkwürdigerer Erfolg, als seine Gedichte wie die Goethes von der mangelhaften französischen Übersetzungskunst zunächst in Prosa aufgelöst wurden. Die Franzosen sind gewiß in ihrem Geschmack bis zur Beschränktheit eigensinnig, aber sie haben Sinn für Qualität, wenn Heine selbst das auch am meisten bezweifelt hat, der an die Möglichkeit französischer Lyrik überhaupt nicht glaubte. Ihm fehlten da die Naturtöne, die Kindschaft aus dem Volkslied, und der einzige lyrische Dichter, den er in Wahrheit schätzte, war Beranger, weil man ihn singen konnte. Sache der Franzosen war es, lesbare Romane und aufführbare Theaterstücke zu schreiben. Die zeitgenössischen Franzosen haben Heine diese Ablehnung nicht verübelt, sie haben ihm ein Bürgerrecht in der französischen Literatur zugestanden; sie liebten ihn alle, und was mehr ist, wer von ihnen Verse machte, wer die französische Dichtkunst aus der immer noch getragenen Krinoline herausholen wollte, gestand dankbar, von ihm gelernt zu haben. Sehr bedächtige Literarhistoriker, die vor allem die Autorität von Victor Hugo nicht verkleinern wollten, gaben doch übereinstimmend zu, daß der Einfluß Heines sich wie ein neues Lebenselexier in die französische Produktion eingesogen hat, von den Theophile Gautier, Gerard de Nerval, Baudelaire bis zu den folgenden Generationen, ob sie sich Parnassiers oder Symbolisten oder sonstwie nannten. — ,,Ich kannte ihn in seiner besten Zeit", sagt Gautier, der nicht müde wurde, über Heine zu schreiben, „er war ein Kerl wie ein Gott, boshaft wie ein Teufel, gutmütig, was man auch sagen mag; er verschwendete sein Geld, seine Gesundheit und seinen Geist." Dieser Mann von Geist, dessen Bonmots man in Paris herumtrug, hatte eine geheimnisvolle Gabe, die die französischen Dichter an sich vermißten; er vermochte zu singen, vermochte es, ohne sich einfältig zu machen, ohne seinen Geist aufzugeben. Am besten kannte ihn wohl der arme Gerard de Nerval, der melancholisch wurde und sich aufgehängt hat; er hatte eine Dichterreise nach Deutschland unternommen, er nannte seinen Bericht ,,Aus dem Lande derLoreley", wohl der einzige, der die deutschen Ursprünge ihres Dichters beurteilen und auch auslegen konnte, wodurch er sich von Goethe, Schiller oder Uhland unterschied. Dieser Dichter ließ als einzig handelnde Persönlichkeiten die Rose, die Taube, die Lilie, die Sonne auftreten, zog die Schwäne wie am Faden, dirigierte ganze Nachtigallenchöre, kurz, er brachte alles zusammen, was den dümmsten, unausstehlichsten Gedichtband macht. Aber das war alles seine Schöpfung und sie lebte von einem Zauber, dessen er allein Meister war. Dazu brauchte er keine Einsiedelei, kein poetisches Versteck, ein weit zurück und vorwärts sinnender Geist, durchlässig für seine Zeit, für ihre derbe Gegenwart wie für ihren träumenden Zukunftswillen. Heine, so sagt Nerval mit einem von der Literaturgeschichte bestätigten Wort, schließt alle älteren Schulen der Dichtung, wie er alle eröffnet, die noch kommen könnten. Der große Carducci meinte, daß die italienischen Dichter in nichts einig seien als in der Liebe und Bewunderung für Heine: e quasi di famiglia. Das war in Frankreich nicht anders, in wie viele „Cenacles" oder Kapellen oder Kultbünde sich auch der französische Parnass geteilt hat. Es ist nicht merkwürdig, daß ein Weltkind wie Gautier ihm nachsang, daß einige seiner „Emaillen und Kameen" durchaus nach bestimmten Heineschen Originalen geschliffen scheinen, daß ein Künstler wie Baudelaire ihm das Geheimnis der Melodie ablauschen wollte, von dem auch eine der feinsten, für einen Franzosen auch resigniertesten Äußerungen über Heine stammt: er ist etwas Franzose, aber wenn er es völlig wäre, würde er aufhören, ein Dichter zu sein. Aber auch ein so entschlossener Katholik und Mystiker wie Barbey d'Aurevilly hat sich Mühe gegeben, für das Phänomen Heine, für ein Kristallwesen, das alle Sonnenstrahlen eingesammelt zu haben schien, eine umfassende Formel zu finden. Einmal nennt er ihn den Hamlet der Schmerzensdichtung des 19. Jahrhunderts, der die blasse Ophelia für die Philosophie verlassen, der auch noch auf dem verrosteten Schlüssel Voltaires gepfiffen hat; dann stimmt er förmliche Litaneien an, um ihn mit fast blasphemischen Vergleichen zu beschwören: ein Sohn von Rabelais! ein melancholisch gewordener Ariost! ein heiter gewordener Dante! ein Goethe ohne Langeweile! ein E. T. A. Hoffmann ohne Tabaksqualm! Barbey hat auch von den moralischen Flecken gesprochen, die mit dem Vergänglichen der Dichter erlöschen, dieser „unschuldigen Schuldigen", die noch Kinder zu sein vermögen: Dieser dichtet, wie man atmet! Der Tod von Heine, nachdem er so lange auf seiner Matratzengruft gestorben war, hat auch in Frankreich zunächst nur geringes Aufsehen gemacht. Ein vereinzelter und verständnisloser Nekrolog des Kritikers Jules Janin hat Baudelaire, wie er sagt, so empört, daß er vor Ärger fast verrückt wurde. Dann erhoben sich die Stimmen für den Dahingegangenen, für den eilig und unauffällig Bestatteten. — Keine Messe wird man singen, keinen Kadosch wird man sagen — und es waren die der besten Dichter Frankreichs, die dem Größeren dankten und wahrhaft um ihn trauerten. An Alexander Dumas, den einzigen Mann von Ruf, der Kunde von dem Begräbnis hatte und sich dem Trauerzug anschloß, schrieb Jules de Goncourt: Lieber 6