Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 1 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- [Seite 5] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9626633-9633726-9633724--19-9626576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gatten für die schutzlose Frau gewichen zu sein — wie denn auch in diesen Jahren die immer wache Zuneigung zu der ersten — und der letzten! — Frau seines Lebens, der Mutter, zu einem stillen Heldentum heraufwächst. Wenn man die scheinbar harmlos frohen Briefe an die Mutter von seinem Schmerzenslager aus liest, so versteht man, daß dieser schwankende Charakter ein Stück Heldentum in sich barg; und daß die Mutter imstande war, alles Höchste und Tiefste in ihm aufzurufen. Wie um die Möglichkeiten eines weiblichen Einflußes auf des Dichters bewegliches Gemüt noch einmal grausam und wohltätig zugleich zu erproben, sendet das Schicksal dem ,,ungezogenen Liebling der Grazien" nun, da er auf dem Totenbette liegt, endlich die einzige Frau, die ihm, wie er in seinen letzten Tagen empfand, von Anbeginn her als Gefährtin bestimmt war: Ich weiß es jetzt. Bei Gott! Du bist es Die ich geliebt. Wie bittter ist es Wenn im Momente des Erkennens Die Stunde schlägt des cwgen Trennens. Der Willkomm ist zu gleicher Zeit Ein Lebewohl. Wir scheiden heut Auf immerdar . . . Diese Worte richtet er an die letzte Frau, die in seinem Leben erscheint — die ,,Mouche", wie er sie nannte, deren Persönlichkeit bis heute noch ein fast gespenstisches Dunkel umweht. Wir wissen nicht, woher Camilla Seiden kam und ob die romantischen und unheimlichen Schicksale, die man ihr nachsagte, der Wahrheit oder der Phantasie angehörten. Genug — daß sie da war und dem Dichter eine letzte schmerzliche Erfüllung des Lebens bot, das ihm viel gewährt und vielleicht noch mehr versagt hatte. Ihr VOLKS IAH K IWRIA E G M B H Die BoHkvetUtoduHfy det }B\J ZE NTRALE Berlin C25, Dircksenstrasse 26/27 DEPOSITEN KASSE Berlin - Westen, Fasanenstrasse 18 ist jenes letzte grandiose Gedicht geweiht — die Vision, da sich der Dichter selbst im Marmorsarkophage liegen sieht — und sie ist die Passionsblume ,,rätselhaft gestaltet", die zu Häupten des Toten steht und ihm trostlos schweigend wie Frauentrauer Hand und Stirn und Augen küßt. In diesem Gedichte gelangen dem Todkranken Töne, die der Leier des Gesunden niemals entsprungen waren. Und wie mit einem Schlage wird noch einmal klar, welche Bedeutung Frauen in dem ewig suchenden, niemals befriedigten Leben dieses Dichters gespielt haben. Denn dies letzte Gedicht, die Vision des Sterbenden, ein Liebesgedicht. . . Dieses letzte Bekenntnis des Sterbenden faßt mit hie und da versagender Kraft unter dem Bilde der Nachtgesichte Meinem Kind Von Anita Goldberg Keiner tröstet so wie Du, Keiner hat so sanfte Worte, Keiner steht so nah der Pforte Zu des Himmels stillen Gärten. Zart mit engelhaften Kräften Bist Du bei mir selbst von Ferne, Dein und meine, unsere Sterne Strahlen blau am Firmament. Ja, Du bist ein großer Trost; Viele ungeliebte Stunden, Graue Kümmernis und Qual Hat Dein Lächeln überwunden. auch den Lebenskampf des Dichters noch einmal zusammen: den Kampf zwischen ,,Barbaren und Hellenen". Es ist wohl autobiographisch das aufschlußreichste Gedicht Heinrich Heines. Aber sein vollendetstes Gedicht ist es nicht. Wenn in einer Zukunft, die Heines Genie ferner und ferner zu rücken scheint, dieses Gedicht nur noch biographisches Interesse finden sollte, dann wird man noch immer in manchen der kleineren und kleinsten Schöpfungen Heines vollendete Dichtung lieben, so lange „Gold Gold und Kristall Kristall bleibt". — Zu diesen unvergänglichen Dichtungen Heines aber gehören nicht nur die großen welthistorischen und kulturhistorischen Visionen wie etwa die Prinzessin Sabbath, die „Grenadiere" und der ,,Belsazar", sondern auch ein paar ganz kleine Bilder, die so vollendet geformt sind, daß sie keiner vergessen kann, der sie einmal hörte. Keiner von uns wird das alte Mütterchen vergessen, das beim schlechten Wetter mit dem Laternchen über die Straße eilt, um Butter und Eier zum Kuchen fürs große Töchterlein einzukaufen: jeder von uns sieht das ,,große Töchterlein" daheim im Lehnstuhl liegen und schläfrig ins Licht blinzeln. Und während hier die schöne Sünde unübertrefflich und bestrickend vor uns auflebt, so tönt rein und klar -wie Glockenton ein andermal das Lied der Unschuld in dem unvergeßlichen Gebet ,,Du bist wie eine Blume . . .". Es ist, als ob der bewegliche Geist dieses Dichters, so kämpferisch und kühn er sich auch gebärden mochte, doch der Berührung mit Frauenwesen und Frauenbildern bedurfte, um sich voll zu entfalten. Und darin liegt der tiefste Grund für die Bedeutung, die den Frauen in Heines Leben und Dichten gebührt. 5