Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 1 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9626633-9633726-9633724--18-9626575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mehrzahl der Heineschen Frauen ihre Heimat besitzt: im Traum, der ja diesem „wandelnden Traumjäger", wie Heine sich einmal nannte, seine schönsten Blüten schenkte. Nun soll nicht geleugnet werden, daß dem lebensfrohen Manne, als er noch so übermütig war wie Nebukadnezar vor seinem Sturz und „im Zenith seines Fettes" stand, auch manche leichtere Göttin Liebe schenkte — seine Lieder an die Grisetten des Montmartre haben es ungescheut der Welt offenbart. Seine Ehe mit der Putzmacherin Grescentia Mirat, die er Mathilde nannte, ist ja eigentlich nichts weiter als eine Flucht vor allen diesen Göttinnen des Traumes in das naive, reale Leben der ,,lieben Sinne", wie seine Zeit- und Stammesgenossin Rahel Levin es ausgedrückt haben würde. Aber dennoch zeigt vielleicht nichts so sehr in Heines Schaffen seine Herkunft aus den Traumgefilden der Romantik, wie seine Frauenbilder — in all ihrer schattenhaften Süße und ihrer nahen Verwandtschaft mit dem Reiche des Traumes und des Todes. * Schon im Rückblick auf seine Kinderzeit erscheinen als Hauptmächte jene schlanken Mädchen mit dem langen Haar und den blauen Augen, bei denen er ,,im gewölbten Fenster sitzt": die schöne Gertrud und die schwarzlockige Hedwig, die den Himmel bittet, dem Liebsten das Baden und Klettern zu verbieten — und vor allem die schöne Johanna, die schlank und blaß und todkrank ist. Eine von den Vielen, Kranken oder todgeweihten Frauen, die Heine liebte oder zu lieben vorgab, weil ihnen der Tod die weiße Immortellenkrone aufsetzte, die ihm lieblicher duftete als alle Rosenkränze des Lebens: die kleine tote Veronika in ihrem Särgchen — oder die kranke Maria in den Florentinischen Nächten — oder wie sie alle heißen. Einsam steht unter diesen sanften, in ihr Schicksal ergebenen Gestalten schon die unheimliche Gestalt des roten ,,Sefchens", der Nichte des Scharfrichters, die ihr blutrotes Haar um den Hals binden konnte, daß es aussah, als sei sie dem ,,blanken Schwert" verfallen... In ihr liebt Heine das unheimliche Volkslied, das sie ihm singt — und später mag es ihm vorgekommen sein, als ahne er in ihrer menschlichen Einsamkeit schon seine eigne seelische Einsamkeit, verfemt, verspottet — Einsamkeit des Juden und des Dichters. Wie er denn überhaupt manchmal in dem Schicksal der Frauen, das beladen und bedrückt war, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schicksal des unglücklichen Volkes sah, das jene lastende Wucht des Frauenlooses so tief empfand, daß das alte Judengebet immer noch an jedem Morgen dem Schöpfer dankt, daß er den Beter nicht zum Weibe geschaffen hat. (Daß dies Gebet im Sinne der alten Beter eine andere Auslegung erfahren hat, ist bekannt, kommt aber für Heine, der nichts davon wußte oder nichts davon wissen wollte, nicht in Betracht.) Hier wie auch anderwärts sieht Heine in der Frau freilich mit Bedacht immer nur das Sinnenwesen, das Geschöpf, das nicht denkt, sondern fühlt. Zum ersten Male vielleicht in seinem Leben trat ihm eine Frau entgegen, deren Kopf ebenso stark war wie ihr Herz: Rahel Varnhagen. Diese ,,kleine Frau mit dem großen Herzen" nimmt in Heines Leben und Schaffen eine Sonderstellung ein; sie ist vielleicht die einzige Frau, durch die der Eigenwillige unmittelbare Werte für seine Dichtung erworben hat. Sie schmeichelt ihm nicht wie ihre Geschlechtsgenossinnen, sondern sie nimmt ihn streng in die Schule; und es spricht für den richtigen Instinkt dieses scheinbar Verwöhnten und Verzärtelten, daß er genau erkannte, wie Lebenswichtiges sie ihm zu sagen hatte. Jene unbegrenzte Offenheit gegen sich selbst, die vielleicht den Hauptreiz Heinescher Dichtung bildet — die hat er in Raheis Schule gelernt; und er ist sich der inneren Verwandtschaft zwischen sich und der fanatischen Wahrheitsfreundin Rahel mit Stolz bewußt. Nicht in seiner Dichtung, aber in seinen Briefen, hat diese „Lernfreundschaft" ihr Denkmai gefunden. Von Heine stammt jener schönste Nachruf auf die früh geschiedene Rahel, der diese späte Tochter des alten Judenvolkes in die Kette der Mütter einordnet und sie mit jener anderen Rahel vergleicht, „die aus dem Grabe hervorstieg und an der Landstraße stand und weinte, als ihre Kinder in die Gefangenschaft zogen...". * Das Leben ging weiter und führte Heine Scharen von Frauen entgegen, die „leider nur eine einzige Art hatten, wie sie die Männer glücklich machen konnten...". Dennoch scheint es, als ob ihm erst jetzt die Augen für die besondre Art und den besondren Reiz jeder einzelnen dieser zarten Wesen aufgegangen sind — im Leben wie in der Kunst — wie in dem Doppelreiche von Leben und Kunst, in dem seine Dichtungen weilen. Es scheint, als ob überall die Frauen einer Landschaft das Wesen dieser Landschaft ihm erst offenbarten: so gehts ihm etwa bei den schwermütigen Trientinerinnen, deren stolzer Nacken sich unter verschlissenem Kattun bergen muß, oder bei den schönen Italienerinnen, auf deren beseelten Gesichtern man die merkwürdigsten Novellen des Boccaccio lesen kann. Alle Geheimnisse menschlichen Lebens deuten ihm die Frauengesichter: etwa die Tochter des Bänkelsängers den „Frühling, den der Tod angehaucht hat"; und selbst in der Giftmischerin sieht er noch die ganze Frauenfrage sich aufrollen — Frage der Erniedrigten und wehrlos einem rohen Gatten Ausgelieferten — und wieder muß er des alten Judengebetes gedenken. .. Von diesen Frauenbildern, die ihm seine südlichen Reisen entgegenführten, gelangt er zu den Frauen im Reiche der Kunst: den marmornen Götterbildern, die Heldinnen seiner sehnsuchtsvollsten Träume geworden sind; der riesenhaften und doch zugleich mütterlichen Marmorfrau in der Grabkapelle der Medici, deren ganze Gestalt von einer ätherischen Süßigkeit umflossen ist. Michelangelos „Nacht" wird sie genannt. Endlich gehen ihm die Augen auf für jene „Frauen und Mädchen", die Shakespeares Griffel unvergeßlich ins Leben gerufen hat. Aber unter ihnen allen neben Hero, Portia, Julia und Jessica geht uns vielleicht keine so nahe wie jene schöne blasse Britin, die bei einer Aufführung des Kaufmann von Venedig bitterlich weinte und sich nicht beruhigen konnte. „The poor man is wronged!", schluchzte sie immer wieder, wenn sie Shylocks furchtbares Schicksal mit ansah. Hier wird wieder einmal deutlich, wie für Heine die Frauen nicht nur Triebwesen und Haushälterinnen, sondern zu Dolmetscherinnen seines eignen tiefsten Gefühls geworden sind. * Es könnte sein, daß er in jener blassen Britin etwas yoii dem Feingefühl und der seelischen Kultur wiederfand, die er bei einer andern Frau in jenen Jahren entdeckte — zu spät entdeckte. Die schöne und kluge Fürstin Belgiogoso verkörpert ihm alle Reize des Körpers und der Seele, die er vorher nur in Märchen und Dichterträumen zu finden geglaubt hatte. Und dennoch muß er damals Laube gestehen „. . . ich bin verdammt, nur das Niedrigste und Törichtste zu lieben . . .". Denn schon hatte ihn jahrelange Gewöhnung an die hübsche, naive Pariser Bürgersfrau gebunden, die er bis zu seinem Tode in eifersüchtiger Liebe umfing als den Boten einer triebhaft frohen Sinnenwelt, die dem blassen Träumer sonst verschlossen war. Diese Liebe zu der kleinen Putzmacherin scheint gegen das Ende seines schmerzgequälten Lebens immer mehr der Sorge des 4