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Blätter der Jüdischen Buchvereinigung · 1936-02-01 · 1 (2.1936) · p. [Seite 3]

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Journal
Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
Volume
3 (1936)
Issue
1 (2.1936)
Date
1936-02-01
Page
[Seite 3] (sequence 3)
Language
German
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seine sonore, weithin vernehmliche, den Zeitgenossen gewichtige Stimme erhob. Aber als sich die Schatten der Dämmerung über sein Leben zu breiten anfingen, begann jüdischer Gesang aus ihm zu tönen. Da erwachte in ihm wieder das Leben seiner Vorfahren mit allem Stolz und allen Leiden aus uralter Vergangenheit; da fühlte er als jüdischer Sänger sich wieder als ein Glied in der Kette der Geschlechter, da entstanden die Hebräischen Melodien, die Lamentationen, da sah er sich im Bilde des Lazarus, all dies zusammengefaßt in dem Buche, das er „Romanzero" genannt hat. Schon im ,,Atta Troll" atmet die östliche Luft dieser Sammlung in der großen Vision der Herodias, von der der Dichter erzählt, daß sie bei der Stadt Jeruscholayim begraben liege. Aber dieser Ton verstärkt und erhöht sich zu religiöser Begeisterung in den Ilomanzero-Gedichten „Prinzessin Sabbath" und „Jehuda ben Halevy", künstlerischen Gebilden höchsten Ranges. ,,Unter mancherlei körperlichen Hindernissen und Qualen", wie es im Nachwort heißt, sind sie empfangen und gereift. Sie gehören zu den ergreifendsten Dokumenten der Heimkehr zu den im Drange des Lebens vergessenen Ursprüngen. Ein weiteres lebendiges Zeugnis für diese Gesinnung sind die Kapitel aus Helgoland in der Schrift über Börne, wo er eine tiefsinnige, in gewissem Grade endgültige Deutung des jüdischen Nationalcharakters in gläubiger Hingabe unternimmt. Heine bekennt sich hier eindeutig zu dem Diaspora-Judentum, wenn er meint, daß die Juden sich leicht trösten könnten, daß sie Jerusalem und den Tempel und die Bundeslade eingebüßt hätten..., solcher Verlust sei doch nur geringfügig in Vergleichung mit der Bibel, dem unzerstörbaren Schatz, den sie gerettet. Ein Buch sei ihr Vaterland. Hier seien sie stark und bewunderungswürdig. So hätten sie, gebeugt über ihrem Buche, nichts gemerkt von der wilden Jagd der Zeit, die über ihre Häupter dahinzog. In der Tat: Im Ghetto stand die Zeit still. Man lese selbst diese merkwürdigen Kapitel, um sich deutlich zu machen, wie der Dichter das Ewige und Unvergleichliche seines Volkes in der religiösen Kraft, erwachsen aus dem ,,Buch", aufgefunden hat. Diese Versenkung in die Bibel, in die Geschichte des Heiligen Landes nimmt, je mehr sich sein Leben dem Ende nähert, an Intensität zu. Der Glaube der Väter wird wieder der seine. Die Etappen der Heimkehr kann man in den Schriften dieser Zeit Schritt für Schritt verfolgen. In immer neuen Variationen spricht Heine von dieser Wandlung. So finden wir in einer Zuschrift an die Allgemeine Zeitung (i8/jg) den Satz: '^cn Dm kein lebensfreudiger, etwas wohlbeleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener heiter herablächelte — ich bin jetzt nur ein armer totkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch." Aus dieser Verzweiflung entstand der vergeistigte Heine, jenseits aller irdischen Lust in das Transzendente, ins Religiöse wachsend, in welcher Gestalt er in das ewige Bewußtsein seines jüdischen Volkes übergegangen ist. Aber diese Religiosität bestand nicht in einem reinen Deismus, sondern in der Bindung „an einen ganz bestimmten Gott, nämlich an den Gott unserer Väter", wie es i848 in einem Brief an den Bruder heißt. In diesem Sinne ist auch das ergreifende Bekenntnis im Testament zu verstehen: ,,Ich sterbe im Glauben an einen ewigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele." Von einer „Bekehrung", wie es oft geschehen ist, darf man darum doch nicht sprechen. Welt und Gott, das hellenische Naturel und die Askese waren beide in ihm enthalten und rangen zeitlebens um die Oberhand in ihm. Er war der Wanderer zwischen diesen beiden Welten. Immer stand für ihn der „Gottgedanke Judäas" im Gegensatz zu der „Griechen Lustsinn", der Kampf des Wahren mit dem Schönen vollzog sich in ihm selbst. Er war überzeugt, daß diese beiden Prinzipien ewig mit einander in Streit liegen und sich niemals versöhnen. Dieses ungläubige Credo ist seiner Weisheit letzter Schluß. Es beherrscht das einzigartige Gedicht für die Mouche, in dem er einige Wochen, vor seinem Tode wie zum Abschied noch einmal die großen Symbole seines Lebens heraufbeschwört. Es bezeugt aber auch, daß das Primäre in Heine sein Künstlertum war, daß er noch im Sterben mit zitternder Hand seine Verse feilte und glättete, daß seine dichterische Phantasie nicht eher nachließ, als bis sie sich ins Dunkel verlor. Die Frau in Heines Welt Von Bertha Badt-Strauß Der Mensch muß den Mut haben, in Gegensätzen zu leben: so hat ein heute oft angesprochener Kulturphilosoph das Grundgesetz des Menschen unserer Tage zu umschreiben gesucht. Was man auch immer gegen Heinrich Heine sagen mag — diesen Mut zu den Gegensätzen wird ihm keiner absprechen wollen. Aber vielleicht tritt dieser Mut zu den Gegensätzen des menschlichen Lebens selten so scharf hervor, als wenn wir jene Gestalten betrachten, denen Heinrich Heine Glück und Qual seines Lebens, Ruhm und Schimpf seines Dichtertums verdankt: seine Frauengestalten. Zunächst ist zu sagen, daß jener scheinbar unübersehbar lange Zug von Frauen, wilden und sanften, blonden und schwarzen, die das Werk dieses Dichters durchziehen, nur zum kleinsten Teile aus dem wirklichen Leben stammt — so viel man auch schon bei Lebzeiten dem kranken Dichter an sardanapalischen Gelüsten nachgesagt hat. Heinrich Heine, der als ein „schüchtern blonder" Jüngling sich durch die Berliner Salons bewegte und der dann mehr als sieben Jahre in seiner „Matratzengruft" im engen Zimmer in Paris festgebannt liegen mußte, hat seine ganze Jugend — ja vielleicht sein halbes Leben lang — unter dem Eindrucke seiner „Cousinenliebe" gestanden — also einer Backfisch- und Primanerneigung im Leben der meisten Menschen; und die schöne, seelenlose Amalie Heine aus, Hamburg, die sich bald nach Königsberg verheiratete, hat mit ihrer kleinen Schwester Therese alle jene glühenden Liebesergüsse veranlaßt, die in des Dichters Versen lodern. Schon in dieser typischen Erscheinung zeigt sich, wo die Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik und Informationsblätter die Zeitschriften für die jüdische Sozialarbeit herausgegeben von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland BERLIN-CHARLOTTENBURG KANTSTRASSE 158 3

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