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Blätter der Jüdischen Buchvereinigung · 1936-02-01 · 1 (2.1936) · p. [Seite 2]

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Journal
Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
Volume
3 (1936)
Issue
1 (2.1936)
Date
1936-02-01
Page
[Seite 2] (sequence 2)
Language
German
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ihn der Vater nach Frankfurt mit, um ihn dort als Lehrling in einem Bankgeschäft unterzubringen. Der Besuch des Ghettos schließt ihm eine neue Welt auf und macht auf ihn einen so starken Eindruck, daß er ihn sein Leben lang nicht losgeworden ist. Das zweite Kapitel des „Rabbi von Bacherach" ist davon Zeuge, aber noch in der viel späteren Schrift von Börne, den er damals zum erstenmal sah, geistert dieses Erlebnis nach. Der Anblick des Frankfurter Ghettos muß damals auch nach Goethes Zeugnis ,,erschreckend" gewesen sein. Und die Sensibilität des jungen Dichters erzitterte angesichts des schmachvollen Zustandes, in dem er seine Glaubensgenossen antraf. Nur kurze Zeit blieb Heine in Frankfurt. Aber es genügte, um das jüdische Element in ihm zu entfachen. Seine Lebensäußerungen, seine Produktivität als Dichter und Schriftsteller, seine Arbeit als politischer Kämpfer, als philosophischer und historischer Denker sind von diesem Urerlebnis bald stärker, bald schwächer getönt. Dabei wurde er von Zustimmung und Widerspruch, von Zuneigung und Ablehnung hin und her geworfen. Wie überhaupt keine einheitliche Linie in seiner Beziehung zum Judentum auffindbar ist. Er fand die Idee des Judentums, seine erhabene Religion, seine heiligen Schriften, seine glorreiche Geschichte in allzu großem Widerspruch mit seiner sozialen Erscheinungsweise in der Gegenwart, ohne sich rational den Gründen dieses Zustandes zu verschließen. So finden wir ihn in dieser Frühzeit seines Lebens noch völlig hilflos, einen brauchbaren Standpunkt einzunehmen. Wie sehr verletzte ihn das Gebaren jener Krämersippschaft, die er im Hause seines Onkels kennen lernte, aber wie brannte sein Herz, als er Zeuge der Judenverfolgung in Hamburg im Jahre 1819 werden mußte! Im selben Jahre wurde von Eduard Gans, Leopold Zunz und Moses Moser der ,,Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" begründet. Die Aufgabe dieses Vereins war vor allem eine erzieherische. Es galt der Generation, die das Ghetto verlassen hatte, den Weg zur europäischen Bildung und Zivilisation zu erschließen. Man glaubte, das nicht besser tun zu können, als daß man „eine gänzliche Umarbeitung der bis jetzt unter den Juden bestandenen eigentümlichen Bildung und Lebensbestimmung" forderte, wie es in dem Programm heißt. Diese Wissenschaftlichkeit indes, darüber wurde man sich nicht klar, konnte den praktischen Bedürfnissen der Zeit kein Genüge tun. Immerhin Heine war glücklich, liier eine Möglichkeit zu finden, für sein Volk zu wirken, und trat dem Verein bei und hielt zahlreiche Unterrichtskurse ab, von denen bezeichnenderweise seine Vorträge über das deutsche Altertum den größten Eindruck auf seine Zuhörer gemacht haben. Aber das hieß, das Haus vom Dach her aufbauen, es fehlten die organischen Mittelglieder, man verlor das Alte, man entfremdete sich der durch Jahrhunderte gewohnten Lebens- und Anschauungsweise, und die neuen Begriffe und Vorstellungen standen im leeren Raum. Dieser Verlorenheit bot sich nur noch ein blasser Deismus dar, der folgerichtig den Übertritt zum Christentum nicht mehr schwer machte, ja, ihn als ultima ratio geradezu empfahl. All die Entwurzelten — und es sind damals nicht wenige gewesen — ließen sich taufen. Unter ihnen waren Kinder Moses Mendelssohns, Henriette Herz, Rahel Lewin, Gans und schließlich auch Heine. Heines Übertritt hat noch sein neuester Biograph MaxBrod rein aus Utilitätsgründen zu erklären versucht. Man darf sich aber damit nicht zufrieden geben. Zwar winkte Heine damals die Professur in München, die ihm als Jude verschlossen war. Mag sein, daß dieser Umstand eine nicht unbeträchtliche Rolle spielte. Eine reine Formalität war es darum doch nicht. Vielmehr glauben wir, daß die Einsicht in die Hoffnungslosigkeit, die jüdische Situation fruchtbar und positiv zu gestalten, die Unmöglichkeit, sich mit seinen jüdischen Zeitgenossen zu identifizieren, von denen ilm nicht zuletzt sein Künstlertum trennte, und schließlich seine Indifferenz jeder positiven Religion gegenüber, ihn zu diesem Schritt bewogen haben. Das sich reformierende Judentum empfand er als Halbheit, und darum stieß es ihn ab. Zu dem strengen traditionsgetreuen Judentum, das keinen Kompromiß duldete, fand er nicht die Kraft, so sehr er innerlich zu ihm ja sagte. Es gelang ihm damals nicht, die Bewegung des Glaubens auszuführen. So fiel er ab, so distanzierte er sich und begann sich seinem eigentlichen Wesen, dessen Schwerpunkt im Dichterischen lag, zuzuwenden. Das Jüdische in ihm harrte der Auferstehung und sollte sich noch einmal großartig entfalten. In der mittleren Periode seines Lebens bis zum Romanzero blieb es in der vergleichsweise bescheidenen Rolle des Mitfühlens, des Mitleidens, aber auch der Kritik, so in den Gestalten des Marquese Gumpelino und des Hirsch Hyazinth, die er als Typen des Assimilationsjuden ergötzlich verspottete. Beide haben ihre alte Welt verloren und von der neuen nur das Äußerlichste erfaßt. So taumeln sie in tragikomischer Weise hin und her und machen sich zum Spott und zum Gelächter. Daneben aber stellt Heine den Vertreter des alten Judentums, wie er es sieht, den kleinen Juden Moses Lump, auch Lümpchen geheißen, dem seine ganze Liebe gehört. Gumpelino ist Katholik und liegt vor der „Prima Donna" auf den Knien, Hirsch Hyazinth gehört dem ,,neuen Religionstempel mit orthographischen deutschen Gesängen und gerührten Predigten" an, Lümpchen aber feiert noch nach altem Brauch den Sabbath, „ißt mit Frau und Kind Fische, die gekocht sind in angenehmer weißer Knoblauchsauce und singt dabei die prächtigsten Lieder vom König David". „Und ich sage Ihnen, Herr Doktor", so geht es weiter, „die Fische sind delikat und der Mann ist glücklich, er braucht sich mit keiner Bildung abzuquälen", und „Rothschild der Große" in all seinem Glanz würde ihn noch beneiden". In dem Bilde dieser drei Menschen zeigt Heine sich selbst, seine persönliche, schillernde Stellung zu der jüdischen Situation der Zeit. Nachdem er auf seine Weise sich mit der jüdischen Frage auseinandergesetzt hatte, hat er an diesen Kämpfen bewußt nicht mehr teilgenommen. Das hinderte ihn keineswegs, für die Juden von Damaskus, die im Jahre i84o auf Grund einer falschen Anschuldigung gemartert und eingekerkert wurden, leidenschaftlich Partei gegen die französische Regierung zu ergreifen, die diesen Verfolgungen mit allzu großer Duldsamkeit zugesehen hatte. Aber auch in diesem Fall spürt man eine leise Distanz, eine gewisse Neutralität, die in seinen gleichzeitigen Briefen und Gesprächen noch deutlicher wird, als wolle er den Zusammenhang mit dem Judentume eher verwischen als unterstreichen. Man bedenke immerhin, daß seine Frau von seiner jüdischen Herkunft nichts erfahren hat. Dahin gehört auch seine Bemerkung in einem Brief an Moser von dem „nie abzuwaschenden Juden". Aber wohlgemerkt: Das Judentum als Idee, als Religion wird von dieser Ablehnung nicht berührt. In die Geschichte seines Volkes hat er sich mit bewundernder Liebe immer aufs neue versenkt. Nicht in den Jahren der Gesundheit und in der höchsten Blüte seines Geistes, in der ersten Pariser Zeit, in der er sich als einen sinnfreudigen Hellenen im Gegensatz zu dem asketischen weltverneinenden Nazarenertum etwa eines Börne hinstellte, in der Zeit, in der er voll Mut und Elan, sprühend von Geist und Witz, mit allen Mitteln seiner scharfen Dialektik in der politischen Diskussion 2

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