Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 1 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BLÄTTER DER JÜDISCHEN BUCHVEREINIGUNG Dritter Jahrgang Berlin, im Februar 1936 Heft 1 Unverkäuflich Nur für Mitglieder der JBV gedruckt Dem Andenken Heinrich Heines zur Wiederkehr seines 80. Todestages am 17. Februar Von Erich Lichtenstein Heinrich Heine war zwei Generationen jünger als Mendelssohn. Zwischen ihnen standen David Friedländer, Mendelssohns Kinder, Maimon, Ben David, Marcus und Henriette Herz, Rahel Lewin, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts geboren wurden. Die erste Etappe der Emanzipation, die mit dem preußischen Edikt über die Gleichberechtigung der Juden vom Jahre 1812 abschließt, fällt erst in Heines Kindheit, so daß Heine mit seinen Altersgenossen Eduard Gans, Leopold Zunz, Moses Moser die dritte Nachghetto-Generation bildet. Börne hat in diesem Zusammenhang kaum einen Platz, da er niemals das Judentum zu seiner eigenen Sache gemacht hat. Er sah in der Geschichte des Judentums nur einen Ausschnitt aus der Leidensgeschichte der Menschheit überhaupt. Überblickt man den Weg dieser drei Generationen, so kann man die Herausbildung eines neuen jüdischen Menschen feststellen. Mit der Erweiterung des Horizontes, mit dem Hineinwachsen in die Umgebung, mit dem Erwerb europäischer Bildung wuchsen die geistigen und seelischen Kräfte, erwachte das Selbstbewußtsein, formte sich der Wille, an den Aufgaben der Gesellschaft mitzuarbeiten. Dafür wurde allerdings der Zusammenhang mit der Tradition, mit dem bis dahin unverwandelten Inhalt des jüdischen Lebens aufgelöst. In dieser Entwicklungsreihe nimmt nun Heine insofern einen besonderen Platz ein, als ihm eigentlich alles das zufiel, was seine Zeitgenossen sich mühsam erwerben mußten. Während noch Börne unter den Demütigungen des Frankfurter Ghettos aufwuchs und im Sinne strenger Orthodoxie erzogen wurde, gab es in Düsseldorf, wo Heine zur Welt kam, überhaupt kein Ghetto. Die wenigen dort ansässigen Judenfamilien konnten wohnen, wo es ihnen behagte. Hinzu kam seine Abstammung mütterlicherseits aus der ebenso wohlhabenden wie vornehmen Familie de¬ Geldern. Schon sein Ururgroßvater Josef Jacob de Geldern war Kammeragent des Herzogs Johann Wilhelm und Obervorgänger" der Jülich-Gleveschen Judenschaft. Er begründete die erste Synagoge in Düsseldorf. Der Großvater Gottschalk de Geldern war ein berühmter Arzt, sein Sohn, Bruder von Heines Mutter, dasselbe. Er wurde zum Hofrat ernannt. Von Gustav Karpeles wissen wir auch, daß Heines Familie väterlicherseits bis zum Urgroßvater in Hannover bekannt war und zu den ältesten der Gemeinde gehörte. Diese Zugehörigkeit zu einer alteingesessenen Familie, dazu die Freiheit, die die rheinischen Juden unter dem Einfluß der französischen Revolution mit ihrer Verkündigung der Menschenrechte genossen, gaben Heine von früh auf jene Freiheit und Sicherheit des Auftretens, die ihn vor allen den Minderwertigkeitsgefühlen schützte, die den eben erst befreiten Zeitgenossen eine noch schwankende Position gaben. Man darf vielleicht hinzufügen, daß ein gut Teil von Heines jüdischem Bewußtsein aus der Opposition gegen die Unterdrückung sich nährte, daß von hier seine Liebe und Anhänglichkeit zu dem Märtyrervolk herrührt. Denn in den Jugenderinnerungen — schon Heinrich Laube ist das aufgefallen —, im „Buch Le Grand", das Heine als junger Mensch schrieb, und in den ,,Memoiren", an denen er bis zum Tode arbeitete, spielte das Jüdische keine Rolle. Die Rintelsohnsche Talmudschule, die das Kind besuchte, wird als solche nirgends gekennzeichnet, kein Wort über das jüdische Rituale, von dem wir wissen, daß es in seinem Elternhaus beobachtet wurde. Die jüdische Problematik in der Beziehung zur Umwelt taucht an keiner Stelle auf. So stark reicht die deutsche, die katholische Welt in die»*s Kindheitsleben hinein, so stark ist es von ihr gefärbt und geformt, daß das spezifisch Jüdische daneben keinen Raum hat. Die Mutter spielte ernsthaft mit dem Gedanken einer katholischen Priesterlaufbahn für ihren Ältesten. So gab sie ihn in die Dominikanerschule und später in das Lyceum, wo der Unterricht von katholischen Geistlichen erteilt wurde. Früh also tat sich für Heine die humanistische Bildungswelt auf, deutsche, französische Literatur, Sprache und Philosophie. Man kann diese Jugend ein drücke nicht hoch genug einschätzen. Das deutsche katholische Mittelalter, Reformation, Humanismus, Volksdichtung, waren die Hauptquellen, aus denen seine dichterische Phantasie sich nährte. Der deutschen Romantik ist er lebenslang verbunden geblieben, deren letzter Sänger er nach seiner eigenen Aussage geworden ist. Mustert man weiter die Stoffe, aus denen sich die dichterische Persönlichkeit Heines aufbaute, so steht das Erlebnis der französischen Revolution voran, als deren Exponent ihm Napoleon erschien, den er als den Befreier des Volkes, als den weltlichen Heiland vergottet hat. Seine politische Wirksamkeit nimmt hier ihren Ausgang. Aber wenn auch Heines Kindheit und frühe Jugend sich diesseits der jüdischen Welt abspielte, es dauerte nicht lange, daß sie auch ihn bedrängte und ihn zwang, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Mit fünfzehn Jahren nahm