Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 1 (1934)
- Issue
- 1 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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wird auch der Streit um die Lehre in einer Hinsicht für alle Zeit entschieden. »Hahnemanns Schicksal ist das Schicksal des Arzttums, seiner Reinheit und seiner Zweideutigkeit, seiner fast göttlichen Größe und seiner sehr menschlichen Schwäche.« So wird auch nie das wahre und gerechte Urteil über seine Lehre sich zu einem vollen Ja oder Nein entscheiden können, »es irrt der Mensch, solang er strebt«, aber dieser Irrende und Strebende Samuel Hahnemann wird noch Jahrhunderte als Warner und Rufer des Gewissens lebendig bleiben, so oft die Heilkunst durch Hochmut, Unverstand und Verstiegenheit ihrer Jünger den Sinn ihrer Sendung verrät. Nur aus seiner Zeit, in der »das Schlachtfeld der Wissenschaft weit größere und blutigere Opfer verlangte, als die politischen Revolutionen und Kriegeseiner Zeit« ist Hahnemann und sein Werk zu verstehen. »Als er zum erstenmal das zerbrochene Schicksal der Kranken in seinen eigenen Händen fühlt, ihm anvertraut und von ihm verraten, entsteht in ihm der kühne Plan einer Rebellion des Herzens und des Verstandes gegen die Heilkunst seiner Zeit. Sein langer, unbeirrbarer Weg durch das Dunkel beginnt.« Dieser Weg führt ihn durch zwanzig deutsche Städte, nirgendwo ist ihm Ruhe beschieden, gepeinigt von Hunger und Gewissensnot, verleumdet, verspottet und verjagt, von seinen besten Freunden verlassen, beglückt und gequält durch seine Frau und die wachsende Zahl seiner Kinder, zu keinem Kompromiß bereit, starrköpfig immer wieder alle Bindungen lösend, immer wieder auf neuer Wanderschaft in der Postkutsche, gebeugter, beschwerter und hoffnungsloser, nur in einem unbeirrbar: in der fanatischen Hin-, gäbe an sein Werk und an den kranken Menschen. So wird Hahnemann achtzig Jahre, ein müder Einsiedler in Kothen, gebrechlich, in Erwartung des Todes. Da ereignet sich das Wunder seines Lebens; es heißt Melanie. Eine Pariser Malerin, reizvoll und abenteuerlich, fünfzig Jahre jünger als Hahnemann, liest sein »Organon«, sie muß diesen Menschen sehen, kommt verkleidet in Kothen an, eilt zu Hahnemann, um ihn nie wieder zu verlassen. Sie entführt ihn nach Paris, entreißt ihn noch einmal dem Tode und beschenkt den Wiedererstandenen mit allem, was ihm sein hartes Leben versagt hatte: Glanz, Erfolg und einzigartige Liebe. Gerade diese letzten Kapitel sind ein Meisterwerk der Gestaltung. Das Ganze keine Biographie üblicher Art. Gumpert steigt zu den Quellen dieses Schicksals, zu den geistigen Wurzeln dieser Zeit hinab. Er zeichnet mit feinen und sicheren Strichen das geistige Gesicht der fast hundert Jahre, die Hahnemanns Leben ausfüllte. Er knüpft die Fäden zwischen der Gestalt und seiner Zeit, und verbindet sie wiederum mit dem, was vorher war und was heute ist. So wird Hahnemann ganz gegenwärtig und zeitlos, ein ewig Ruheloser, wie alle vor und nach ihm, die sich von den gültigen Theoremen freimachten und den Durchbruch in das Neue, Künftige wagten. Martin Gumpert, selbst Arzt und von der Krisis der heutigen Medizin betroffen, beschenkt uns mit einem kulturhistorischen Dokument und einem Kunstwerk der Gestaltung seltener Art. Hermann Vollmer Heti Horwitz-Schiller »Ernährung und Diät«. (Philo-Verlag.) Schon der Titel des Buches besagt, daß es sich nicht um eins der üblichen Diätlehr- oder gar nur Diätkochbücher handelt. Vielmehr sieht es seine Aufgabe darin, durch Behandlung aller Fragen, die in das Gebiet der Ernährung gehören, zunächst die Bedeutung der normalen, physiologischen Ernährung, verständlich zu machen, aus der sich dann logisch die Fragen der Diät in pathologischen Fällen ergeben. Die Verfasserin kann sich demgemäß auf diesem Gebiet dann kürzer fassen, ohne daß die Verständlichkeit leidet. Nach einem historischen Überblick über das Gebiet werden die allgemeinen Fragen des Stoffwechsels, die Bedeutung der drei Träger der Nahrung — Eiweiß, Kohlehydrate und Fett — die Kalorienlehre, die Vitamine, die Salze und Kolloide abgehandelt. Immer werden sofort daraus die Folgerungen gezogen, die sich für den Wert der einzelnen Nahrungsmittel und die Zubereitung der Speisen ergeben, wie überhaupt die ausführlichen theoretischen Erörterungen, die eine ausgedehnte Kenntnis der Literatur verraten, immer dazu dienen, die Fragen anzuschließen, die für das tägliche Leben wichtig sind, wie z. B. die Folgen der Denaturierung der Nahrungsmittel, der künstlichen Düngung usav. Das Interesse des Laien wird so auch bei den zum Teil sehr schwierigen und komplizierten Fragen wachgehalten. Es folgt dann die Beschreibung der einzelnen Kostformen für Gesunde, wobei in sehr objektiver Weise die Vorteile der einzelnen wie Rohkost und Vegetarismus gegeneinander abgewogen und beurteilt werden. Interessante Anmerkungen über die Eßgewohnheiten der einzelnen Völker beschließen den ersten Teil. Nach dieser Darstellung der Ernährungsphysiologie werden die Krankheitszuslände behandelt, die aus falscher oder falsch zubereiteter Nahrung entstehen, als Hauptgruppe die sogenannten Mangelkrankheiten oder Avitaminosen. Daß die ausgebildeten Avitaminosen außer der Rachitis in unseren Gegenden zahlenmäßig eine sehr geringe Rolle spielen und mehr die Bedeutung eines sehr anschaulichen Beispiels haben, erwähnt die Verfasserin auch. Dagegen erscheint mir die Frage der Grenzzustände der Avitaminosen noch PHILO LEXIKON Handbuch des jüdischen Wissens ist soeben erschienen Unter Mitwirkung jüdischer Fachwissenschaftler aller Richtungen 400 Seiten \ 250 Textabbildungen 35 einfarbige Tafeln / 6 mehrfarbige Tafeln hervorragend ausgestattet in Ganzleinen rm. 4.80 Zu beziehen durch den Buchhandel und durch PhiloVerlag und Buchhandlung GmbH Berlin W15 / Pariser Strasse 44 8