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Blätter der Jüdischen Buchvereinigung · 1934-12-01 · 1 (12.1934) · p. [Seite 5]

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Journal
Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
Volume
1 (1934)
Issue
1 (12.1934)
Date
1934-12-01
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German
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I Am 7. und 8. Okiober 1822 war Felix abermals in Weimar, mit den Eltern und der gleichfalls komponierenden Schwester Fanny. Noch mehr entzückt als das erste Mal war Goethe von dem Kind, das er einen »himmlischen,kostbaren Knaben« nannte. Er sagte zu ihm: »Ich bin Saul und Du bist mein David, wenn ich traurig und trübe bin, so komm Du zu mir und erheitere mich durch Dein Sailenspiel.« Ein paar Jahre später widmete der Sechzehnjährige dem väterlichen Freund sein 3. Quartett, auf dessen Übersendung Goethe antwortete: »Du hast mir, mein teurer Felix, durch die gehaltvolle Sendung, sehr viel Vergnügen gemacht. ... Ich habe sie daher für einen wohlgebildeten Körper zu achten, mit dessen schöner, kräftig-reicher Seele Du mich zu höchster Bewunderung schon bekannt machtest . . .« Immer wieder schreibt Felix rührende Dankesbriefe an den Greis, der sich immer wieder nach ihm erkundigt, so besonders, als Felix in London einen Wagenunfall hatte. Als der einundzwanzigjährige Felix i83o wieder nach Weimar kommt, geben Goethes Tagebücher davon Kunde, wie der junge Musiker den Mittelpunkt des ganzen goethischen Kreises bildete und »alles mit seiner vollendeten liebenswürdigen Kunst erbaute«. Goethe war so hingerissen von dem Jüngling, daß er den Maler Sehmelier beauftragte, eine Kreidezeichnung Mendelssohns für seine Bildersammlung anzufertigen. Zweimal mußte Felix auf Goethes Wunsch seine Abreise nach Italien verschieben, und schon fünf Tage später ermalmte ihn der Alte, öfters zuschreiben. Goethe berichtet an Zelter: »Mir war seine Gegenwart besonders wohlthätig, da ich fand: mein Verhältnis zur Musik sei noch immer dasselbe. Ich höre sie mit Vergnügen, Anteil und Nachdenken, liebe mir das Geschichtliche, denn wer versteht irgendeine Erscheinung, wenn er sich nicht von dem Gang des Herkommens penetriert. Dazu war denn die Hauptsache, daß Felix auch diesen Stufengang löblich einsieht und glücklicherweise sein gutes Gedächtnis ihm Musterstücke aller Art nach Belieben vorführt. Von der Bachschen Epoche heran hat er mir wieder Haydn, Mozart und Gluck zum Leben gebracht, von den großen neueren Als Volk des Buches sind wir Juden durch die Welt gezogen; nur als Volk des Geisfes können wir uns in Zukunft erhalten. Möge die Jüdische B u c h - Ve r e i n i g u n g diesen Weg erhellen. Technikern hinreichende Begriffe gegeben und endlich mich seine eigenen Produktionen fühlen und über sie nachdenken machen, ist daher auch mit meinen besten Segnungen geschieden.« Mendelssohn bestätigte diesen Vorgang in einem Brief nach Hause: »Goethe ist so freundlich und liebevoll zu mir, daß ich's gar nicht zu danken und zu verdienen weiß. Vormittags muß ich ihm ein Stündchen Klavier vorspielen von allen verschiedenen großen Komponisten nach der Zeitfolge und muß ihm erzählen, wie sie die Sache weitergebracht hätten und dazu sitzt er in einer dunklen Ecke wie ein Jupiter tonans und blitzt mit den alten Augen.« Felix reiste durch Italien, »mit Goethes Gedichten und drei Hemden im Ränzel«. Auf der Rückkehr schreibt er zu Goethes 82. Geburtstag aus Luzern: », . . . so kann ich es heute doch nicht lassen (Ihnen zu schreiben), weil mir von jeher an diesem Tage so glücklich zu Mut war und weil ich ihn mir jedes Jahr gefeiert habe. Da möchte ich denn diesmal gar zu gern Ihnen sagen können, wie ich mich an dem Tage immer ganz besonders freue, daß ich gerade in dieser Zeit lebe und daß ich gerade ein Deutscher bin . . .« Dieser Brief beglückte Goethe so, daß er ihn in der Zeitschrift seiner Schwiegertochter Ottilie abdruckte. Und auf die Mitteilung Mendelssohns, daß er Goethes »Walpurgisnacht« komponiere — später von vielen für Mendelssohns wertvollste Schöpfung gehalten —, schreibt Goethe: »Mein lieber Sohn. Daß Du die 1. Walpurgisnacht Dir so ernstlich zugeeignet hast, freut mich sehr, da niemand, selbst unser trefflicher Zelter, diesem Gedicht nichts abgewinnen können.« Zu Zelters 70. Geburtstag hatte Mendelssohn Goethes Tischlied »Lasset heut am edlen Ort« komponiert; ferner hat Mendelssohn etwa 12 Lieder Goethes teils für Singstimme, teils für Quartett, teils für Männerchor in Musik gesetzt. Wenig bekannt aber ist, daß Goethe, der sich lange gegen Beethovens Musik gesträubt hatte, durch Mendelssohn zur Begeisterung für diesen deutschen Genius geführt wurde: als Felix, dem düster in einer Ecke Lauschenden den ersten Satz der C-moll-Symphonie vorspielte, rief Goethe: »Das ist grandios! Das ist sehr groß!« Absichtlich sind liier nüchterne Tatsachen zusammengestellt worden. Wer aber alles nebeneinander hält, was Goethe über Mendelssohn, was Mendelssohn über Goethe und was die ihnen Nahestehenden über beide geäußert haben, der wird empfinden, wie der im späten Alter sonst so kühle und distanzierte Greis durch diesen euphorionhaften Jüngling, den Nietzsche dann den »halkyonischen Meister« nannte, erschüttert, entzückt und beglückt ist, und wie sehr das Glücksgefühl über Goethes väterliche Freundschaft Mendelssohns ganzes Leben und Schaffen beherrschte. Die Kameradschaft des Frontsoldaten ist keine Frage des Personenkreises, sondern der Ausdruck einer Geisteshaltung. Es ist deshalb eine Selbstverständlichkeit, dafj sich diese Kameradschalt in allen Bezirken des jüdischen Gemeinschaftslebens betätigt. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten setzt sich deshalb auch mit voller Kraft für die kulturelle und wirtschaftliche Idee ein, die repräsentiert wird durch die Jüdische Buch-Vereinigung. des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. 5

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