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Blätter der Jüdischen Buchvereinigung · 1934-12-01 · 1 (12.1934) · p. [Seite 4]

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Journal
Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
Volume
1 (1934)
Issue
1 (12.1934)
Date
1934-12-01
Page
[Seite 4] (sequence 4)
Language
German
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den litauischen Juden als Prophet Elias, dessen Wiederkehr den Messias ankündigt. Seit Grimmelshausen haben Juden in deutschen Dichtungen oft eine bedeutende Rolle gespielt, ob sie nun die Droste oder Stifter, Lessing oder Hebbel, Raabe oder Reuter geschrieben haben; die beherrschende Rolle, die der alte Asisohn in Brusts Heilsgeschichte einnimmt, steht jedoch im deutschen Schrifttum wohl einzigartig da. Das hat bei Brust aber nichts mit aufklärerischem Philosemitismus zu tun, das kommt aus dem Erlebnis des Judentums in der litauischen Landschaft, deren Geheimnisse er zu ergründen trachtet. Er dringt in Tiefen ein, in denen jüdischer Mythos und altlitauischer Mythos ineinander übergehen: er erzählt von den sechsunddreißig Gerechten und — wie Buber in den chassidischen Geschichten — von jenem Rabbi, der Gott bittet, wenn er schon die Juden nicht erlösen wolle, so möge er doch wenigstens die Christen erlösen, während eine Art Dybuk-Legende in der rein litauischen Sphäre des 1926 erschienenen Buches vorkommt. Es wäre nicht reizlos, einmal zu ergründen, was das Ostjudentum von litauischen Sagen übernommen hat und umgekehrt. Von dem ostpreußischen Juden Walther Heymann sagt der völkische Literaturbetrachter Joseph Nadler einmal, seinGe-. dichtzyklus »Die Tanne« sei »die schönste bildhafte Darstellung der deutschen Seele«, von der »Verlorenen Erde« des christlichen Pruzzen Alfred Brust dürfen die Juden rühmen, daß er von Sehnsüchten und Weisheiten jüdischen Geistes mehr als nur einen Hauch verspürt hat. Geständnisse von Heinrich Heine Ich hatte Moses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war, und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Haß gegen alle Bildlichkeit, gegen die Plastik, nicht verzieh. Ich sah nicht, daß Moses, trotz seiner Befeindung der Kunst, dennoch selber ein großer Künstler war und den wahren Künstlergeist besaß. Nur war dieser Künstlergeist bei ihm, wie bei seinen ägyptischen Landsleuten, nur auf das Kolossale und Unverwüstliche gerichtet. Aber nicht wie die Ägypter formierte er seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meißelte Menschenobelisken, er nahm einen armen Hirlenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen andern Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte; er schuf Israel! Mit größerem Rechte als der römische Dichter, darf jener Künstler, der Sohn Amrams und der Hebamme Jochebet, sich rühmen, ein Monument errichtet zu haben, das alle Bildungen aus Erz überdauern wird! Wie über den Werkmeister hab' ich auch über das Werk, dieJuden, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiß wieder meines hellenischen Naturells wegen, dem der judäische Asketismus zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommen. Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloß ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt, und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolution und ihrer demokratischen Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, daß seine Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben, und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben. Die Geschichte des Mittelalters und selbst der modernen Zeit hat selten in ihre Tagesberichte die Namen solcher Ritter des heiligen Geistes eingezeichnet, denn sie fochten gewöhnlich mit verschlossenem Visier. Ebensowenig die Taten der Juden, wie ihr eigentliches Wesen, sind der Welt bekannt. Man glaubt sie zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen, aber mehr kam nie von ihnen zum Vorschein, und, wie im Mittelalter sind sie auch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimnis. Es mag enthüllt werden an dem Tage, wovon geweissagt ist, daß es alsdann nur noch einen Hirten und eine Herde geben wird, und der Gerechte, der für das Heil der Menschheit geduldet, seine glorreiche Anerkennung empfängt. Goethe und Felix Mendelssohn von Kurt Pinthus Als Felix Mendelssohn-Bartholdy, der Enkel Moses Mendelssohn, nach Leipzig berufen wurde, um dort die Gewandhaus-Konzerte zu leiten, die er zu einer bis dahin unbekannten Höhe führte, war er trotz seines jugendlichen Alters von 26 Jahren schon ein berühmter, universal ausgebildeter, fertiger Musiker. Dazu hatte nicht am wenigsten beigetragen, daß über seiner Jugend die Sonne Goethes geglänzt hatte, die sein früh erwachtes Talent zu blühender Entfaltung lockte. Zelter, der Berliner Komponist und Direktor der Singakademie, Goethes bester Freund, hatte bereits in Briefen nach Weimar öfters über die erstaunliche Begabung des Kindes Felix berichtet. Am 26. Oktober 1821 kündigte Zelter seinen Besuch bei dem Zweiundsiebzigjährigen an: »Meiner Doris und meinem besten Schüler will ich gern Dein Antlitz zeigen, ehe ich von der Welt gehe . . .« Die goethebegeisterte Familie Mendelssohn hatte dem zwölfjährigen Felix eingeprägt, »jedes Wort von Goethe aufzuschnappen«. Und der von Goethe gleich mit väterlicher Güte aufgenommene Knabe schreibt nun aus Weimar Brief auf Brief über seine seltsamen und beglückenden Besuche in Goethes Haus, die einzigen Kinderbriefe, die über Goethe vorhanden sind, freilich Briefe von einer erstaunlichen Reife der Anschauung und des Ausdrucks. Vom 3.—19. November bleibt Felix in Weimar und täglich spielt er dem Greis vor, vornehmlich Bach und eigene Phantasien. Täglich wird er von Goethe durch Küsse und Lob belohnt, der damals vereinsamt und enttäuscht sich fühlende Dichter schreibt nach der Abreise des Knaben an den Vater, wie sehr er »den talentvollen, fähigen und fertigen Felix vermisse, und welches Vergnügen ihm seine Gegenwart gewährte«. Zum Abschied hatte er Felix ein rotes Kästchen mit einem Silbermedaillon geschenkt, auf dem sich sein Portrait befand, und im Januar folgte ein von Adele Schopenhauer, der Schwester des Philosophen, mit einer zierlichen Silhouette versehenes Blatt, auf das Goethe mit peinlich kalligraphischen Zügen für Felix eigens gedichtete Verse geschrieben hatte. 4

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