Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 1 (1934)
- Issue
- 1 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Während der Arbeit . von Karl Jakob Hirsch Man sagt mir, ich solle etwas schreiben, und zwar »über etwas«, und man sagt dankbarst zu. Denn es ist leichter »über etwas« zu schreiben als »etwas« zu beschreiben, und so will ich über mein Buch »Hochzeitsmarsch in Moll« berichten. Die Gefahr ist groß, daß ich nicht objektiv bleiben kann, und so will ich es auch gar nicht versuchen. Denn die Eigenschaften des Kindes sind vor der Geburt schwer zu bestimmen. Der Zufall ändert manches, und nachher ist der Leser enttäuscht und behauptet, man hätte ihm etwas ganz anderes versprochen. . . . Man ist »innerlich voll Figur« (wie Dürer sagt) oder man ist nicht befugt, zu gestalten, zu malen, zu schreiben und zu komponieren. Die äußere Welt muß mit einer inneren in lebhaftester Korrespondenz stehen; und während man sein gewöhnliches Menschen-Tagewerk vollbringt, geschieht etwas mit einem, was man großspurig »Schöpfung«, richtiger »Arbeit« nennt. Ich bin nicht der Ansicht, daß stets ein Gott gegenwärtig ist, der es uns eingibt, vielleicht den tiefsinnigen Satz zu schreiben: »Johanna ging die Treppe hinunter. . . .« Um dies schreiben zu können, muß man ein paar Augen im Kopf haben, muß es gesehen haben . . . oder wenigstens geahnt haben, wie das ist, wenn »Johanna die Treppe. . . .« Und meiner Ansicht nach ist es schwierig und wichtig, Johanna so gehen zu lassen (auf dieser mehr oder weniger geraden Treppe), daß man vor allem weiß: »Sie geht hinunter . . . nicht hinauf. . . .« Also: Klarheit. Das ist die eine Aufgabe. Die andere ist: Anschaulichkeit. Die dritte: Unterhaltsamkeit. Ich bitte, nicht gleich fortzulaufen . . ., sondern mich anzuhören. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist die, zu unterhalten. Das heißt: trösten und das Leben erleichtern, indem man zeigt, wie es war und wie es ist. Zwischen Historie und Utopie, zwischen vorgestern und morgen liegt unsere Welt, die Welt der Dichtung, der höheren Wirklichkeit, die gesättigt ist vom irdischen Leben, das da sich abspielt auf einer Kugel. Diese Kugel, dieser Erd-Ballon fliegt und dreht sich dabei in unvorstellbarer Schnelligkeit . . . und siehe da: wir fallen nicht, Avir stürzen nicht ab in die Unendlichkeit, wir lassen uns den scharfen Wind der Ewigkeit um die Nase wehen und gehen aufrecht. So war es vorgestern, so ist es heute ... so wird es morgen sein . . . falls nicht die Erde entvölkert ist und nur der Mond auf die Eiswüsten scheint. . . . Doch noch scheint die Sonne, noch leben wir, ein jeder für sich sein Leben, das (nach einem Wort von Buber) das Leben überhaupt ist. Vom Ich kommen wir nicht los, und da muß auch der Schriftsteller darauf verzichten, objektiv sein zu wollen. Er kann nur von sich aussagen und damit vom Leben überhaupt. Wenn ich meine Hand in eine Schüssel voll kalten Wassers tauche und sie wieder heraus nehme und abtrockne, dann ist die Tatsache, daß die Hand kalt und naß war, im Augenblick der Erwärmung schon Historie . . . graue Vergangenheit. Zwischen Historie und Utopie liegt unsere Welt, und nichts kann uns überzeugen, daß es eine Gegenwart gibt. Wir wollen darüber nicht erschrecken, sondern begreifen, daß die Erinnerung und die Erfahrung der Vater und die Mutler einer jeden Schöpfung sind. Und setzen wir für das Wort Schöpfung — Arbeit, dann brauchen wir nur in uns sehen und horchen, und schon steht eine Welt in uns auf, farbig und voll brausender Lebendigkeit. . . . Vor einigen Augenblicken geschah es, daß die erste Pferdebahn klingelte, daß ein Mann namens Benz auf einem pferdelosen Wagen fauchend und zischend durch die Straßen fuhr. Eine Sekunde ist es her, daß der kleine Walter Haas, der nicht so berühmt ist, wie der Erfinder des Automobils, aber in meinem Buche eine Rolle spielt, daß der kleine Walter mit Fieberbäckchen auf die Straße sah, um die Illumination zu bewundern, die zum 100. Geburtstag des alten Kaisers Häuser und die Straßen erleuchtete. Ich versuche, das Vorgestrige zu schildern, es gegenwärtig zu machen. In diesem Buche »Hochzeitsmarsch in Moll« geschieht vielerlei, was vielleicht heute noch fesseln und erregen kann. Es wird geredet und getan in diesem Buche, aber es ist kein Diskussions-Roman, kein Problem-Roman, sondern eine Geschichte aus den Jahren 1897 bis r912- Ein jüdisches Buch könnte man es nennen. Wenn man weiß, daß die wichtigsten Figuren Juden sind, die ihr mensch- „Die Jüdische Buchvereinigung entstand aus dem Tag. — Sie wird bestehen, wenn sie Bücher schafft, die den Tag überdauern." Hauptschriftleiter der C.V.-Zeitung fLjLAJtj : / liches und jüdisches Geschick tragen und dulden. Auch das Land wird geschildert, die Umwelt, die Verbundenheit mit ihm, das Sich-geborgen-fühlen in ihm, das Da-sein auf einem Stück Erde. Menschen treten auf, Juden und andere, und nicht nur im gegenseitigen Verstehen oder Mißverstehen, sondern ein jeder in den Grenzen seines eigenen Lebens. Aber es ist kein »Märchen-Buch«, auch keine Anklage, Selbstanklage oder ein weinerliches Bejammern von Schicksalen. Kein Selbstbedauern und kein »Lösungsversuch« innerer oder äußerer Art. Daß dies Buch ein Trostbuch sein soll, ist Absicht des Verfassers. In der Farbigkeit und in der Intensität den Sinn der Geschehnisse zu deuten, ist Aufgabe des Roman-Schriftstellers in allen Zeiten. Besonders heute. Nur was tief im Grund einer Zeit verwurzelt ist, kann in die Zukunft wachsen und weisen. Die unscheinbaren Geschehnisse sind es, die vielleicht die wichtigsten sind. Und diese sind zu zeigen: Ausblicke nach rückwärts . . . man muß den Kopf nicht zu sehr verrenken. Denn wir wollen vorwärts sehen. Und dann sehen wir uns selbst; gestern, heute und immer. Das private Schicksal ist nur das Spiegelbild der Zeiten. Es ist nötig, die Zeit im Menschen . . . und die Menschen in der Zeit zu schildern. Wir schweben ja nicht im zeitlosen, luftleeren Raum. Wir kleben, kriechen, laufen, stürzen . . . und tanzen wie Relieffiguren auf einem Fries. . . . Wir können nicht von dieser »Zeitwand« auf der wir hinaufmodelliert sind, von ewiger Hand hinabspringen, ohne zu zerbrechen. Und das ist gut so. Aber es ist schwer . . . darzustellen. Ich will es versuchen. Vielleicht gelingt es mir, die Luft und den Hauch einer vorgestrigen Zeit einzufangen, den Menschenatem spürbar zu machen, der aus den Gestalten strömt, der die Luft bewegt und das Herz schneller schlagen läßt. Nun will ich weiter arbeiten. . . . 2