Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 1 (1934)
- Issue
- 1 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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B LÄTT E R DER JÜDISCHEN BUCHVEREINIGUNG Erster Jahrgang Berlin, im Dezember 1934 Heft 1 Unverkäuflich Nur für Mitglieder der JBV gedruckt An unsere Mitglieder! Sinn und Aufgabe der Jüdischen Buch Vereinigung Dr. E. L. Unter dem schweren Schicksal, das die deutsche Judenheit betroffen hat, haben Dichter und Schriftsteller sicher-! lieh am meisten zu leiden. Denn für sie war es am schwersten, eine Berufsumstellung vorzunehmen und sich dadurch eine neue Existenz zu schaffen. So mußten wir erleben, daß selbst hervorragende Persönlichkeiten, wie Georg Hermann und Jakob Wassermann, deren Werke seit Jahrzehnten von ihren deutschen Verlegern veröffentlicht wurden, für ihre neuen Werke keine Unterkunft mehr fanden. So sahen wir die Situation, als wir daran gingen, vor fast einem Jahre, die Jüdische Buch-Vereinigung ins Leben zu rufen und zu organisieren. Wir waren überzeugt, daß die Aufgabe, die uns gestellt war, jüdischen Autoren die Möglichkeit zur Herausgabe ihrer Werke zu verschaffen, jüdisches Kulturgut zu erhalten und zu mehren und jüdischen Menschen Brot und Arbeit zu geben, nicht leicht sei. Aber mit freudigem Idealismus sind alle, denen die Schaffung der JBV am Herzen lag, ans Werk gegangen, und wir dürfen heute sagen, daß dank der Mithilfe weiter jüdischer Kreise das Werk zu einem guten Teil gelungen ist. Wir wollen keineswegs in Abrede stellen, daß die jüdischen Verlage ihre Pflicht kennen und ihrer großen kulturellen Aufgabe gewachsen sind. Aber es liegt in der Natur des Verlags, daß ihm gewisse Grenzen gezogen sind. Er muß mit dem zusammengeschmolzenen Abnehmerkreis, mit der gesunkenen Kaufkraft rechnen. Es wird immer wieder Autoren geben, die bei aller Bedeutung ihres Schaffens vergebens an seine Tür klopfen, um Eingang zu finden. Die Produktion der Jüdischen Buch-Vereinigung bringt den Beweis dafür. So haben wir uns als Ergänzung neben die Verlage gestellt, um auch bei uns dem jüdischen Schrifttum eine Heimstätte zu bereiten. Zweifellos das wertvollste Buch, das die JBV im ersten Jahr herausgebracht hat, die Tora, konnte überhaupt der deutschen Judenheit nur dargeboten werden, weil die JBV dem Verleger der Bibel-Übersetzung durch ihren großen Abschluß für ihre Mitglieder das Risiko für die Herausgabe erleichterte. So diente die Jüdische Buch-Vereinigung schon durch diese Leistung nicht nur dem jüdischen Verlag, sondern auch dem jüdischen Buchhändler, der so ein äußerst günstiges Verkaufsobjekt in die Hand bekam. Aber nicht allein diesem Tatbestande verdankt die Jüdische Buch-Vereinigung ihr Daseinsrecht. Denn sie stellt sich auch in den Dienst des bücherlesenden Publikums, insofern sie für den niedrigen Preis von 3,2 5 RM. wertvolle Bücher ihren Mitgliedern zugänglich macht. Die Jüdische Buch-Vereinigung ist im ersten Jahre ihres Bestehens durch widrige Umstände mannigfachster Art in ihrer Arbeit gehemmt worden. Wir waren in höherem Grade, als wir voraussehen konnten, auf die Nachsicht unserer Mitglieder angewiesen. Wir danken ihnen an dieser Stelle für das Verständnis, dag sie uns entgegengebracht haben. Umgruppierungen, ja,Programmänderungen ließen sich nicht vermeiden. Selbst das Erscheinen dieser »Blätter« zog sich aus Gründen, die zu beheben nicht in unserem Bereiche lag, immer wieder hinaus. Aber wir haben aus den Erfahrungen des ersten Jahres gelernt. Man muß sich vergegenwärtigen, unter welch schwierigen Verhältnissen die JBV ihre ersten Schritte in eine veränderte Welt getan hat, um die Widerstände zu ermessen, die zu überwinden waren. Aber trotz alledem haben wir das Ziel nicht aus den Augen verloren. Unsere Aufgabe hat sich uns immer deutlicher und klarer dargestellt. Das deutsche Judentum ist heute in einer schweren Krise. Da gilt es, Bilanz zu ziehen, seine Aktiva zu verzeichnen, sich seines geistigen Inventars zu versichern und alle schöpferischen Kräfte aufzurufen und zu mobilisieren. Es gilt zu erkennen, wer wir sind und was wir haben. Alle müssen anfassen, alle müssen sich gegenseitig helfen. Nur so kann die Geistesfrucht gerettet und in die Scheuer gebracht werden. Daß aber der jüdische Mensch seine geistige Existenz bejahen, den Sinn seines Schicksals, die religiösen und ethischen Wurzeln seiner Geschichte erkennen kann, dazu bedarf er des Schrifttums, der Literatur. Gerade heute ist das Verlangen, sich in die Bücher zu versenken, übermächtig. Zur Stillung dieses Bedürfnisses beizutragen, die geistige Potenz aus Zeit und Vorzeit zu sammeln, sie in ihren Zeugnissen bis in die kleine und kleinste Stadt, wo Juden wohnen, über die literarischen Zentren hinaus, auch dahin zu tragen, wohin der vorwiegend großstädtische jüdische Buchhandel nicht langt, das ist — um es in einem Satz zusammenzufassen — Sinn und Aufgabe der Jüdischen Buch- Vereinigung. So dürfen wir zuversichtlich das neue Jahr beginnen. Das Buchprogramm, soweit wir es unseren Mitgliedern mitgeteilt haben, ist gesichert. Prof. Elbogen schreibt in diesen Tagen die letzten Seiten an seinem neuen Buch »Die Geschichte der Juden in Deutschland«, das als unser erstes Buch im Jahre iq35 erscheint. Dr. Georg Landauer, der Herausgeber unseres »Palästina-Bilderbandes«, der in Palästina lebt, ist auf dem Wege nach Deutschland und berichtet uns von den wundervollen Photos, die er uns für sein Buch mitbringt. Karl Jakob Hirsch, der Verfasser des bei S. Fischer erschienenen Romans »Kaiserwetter«, erzählt selbst in diesen Blättern von seiner Arbeit. Über das vierte Buch werden wir in Kürze berichten können. Zum Schluß noch ein Appell an unsere Mitglieder! Unsere Aufgabe ist wie gesagt zu einem Teil erfüllt. Es muß weitergearbeitet werden. Und wir bitten unsere Freunde, uns dabei zu helfen. Werbt für die JBV, dann wird sie immer leistungsfähiger werden und immer mehr ihren Mitgliedern bieten können! So dienen wir der jüdischen Gemeinschaft, dem Wohl unserer Autoren und wirken mit an der Bewahrung des jüdischen Geistes.