Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 6 (17.11.1927)
- Date
- 1927-11-17
- Page
- Seite 112 (sequence 24)
- Language
- German
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ist und worauf sie beruht. Im Gegensatz dazu führt er zwar aus, daß sich durch die Emanzipation die religiösen und völkischen Daseinsbedingungen von Grund auf verändert haben, aber er findet einen Rettungsanker in dem Worte: „Col Jisroel chawerim", das er frei ins Deutsche überträgt: ganz Israel steht für einander ein. Schon dieser Grundsatz, der heute noch für die überwiegende Mehrheit der Juden nicht bloß für die Zionisten Geltung habe, charakterisiere die Juden als ein Volk. Als Kronzeugen für seine Ansicht führt er selbst den Centrai-Verein an. Dieser habe es für notwendig gehalten, zu Beginn des Krieges seine Mitglieder aufzufordern, über das Maß der Pflicht hinaus dem Vaterlande durch Aufopferung der Person und des Vermögens zu Hilfe zu kommen; er gäbe also die Doppelstellung des Judentums zu — eine Auffassung, die jedem Unbefangenen unbegreiflich erscheinen muß. Und aus der Entschließung des Centrai-Vereins vom 30. März 1913: „Wir wollen die deutsche Judenfrage nicht international lösen. Auf dem Boden des deutschen Vaterlandes wollen wir als Deutsche an deutscher Kultur mitarbeiten und dabei unserer Gemeinschaft treu bleiben" zieht er den merkwürdigen Schluß, die durch Religion und Geschichte geheiligte Gemeinschaft könne nur eine „jüdische Volksgemeinschaft" sein. Damit kommt Dr. Joerges zu dem Ergebnis, der Durchschnittsjude stehe mit einem Fuß in Deutschland, mit dem andern in Palästina oder im Ghetto. Diese Stichproben aus der Einleitung des Buches mögen schon genügen, um die Einstellung Dr. Joerges' dem Judentum gegenüber zu charakterisieren. Seine leichtfertigen Schlußfolgerungen setzt er dann in den einzelnen Hauptabschnitten seiner Schrift fort. Seine religionsgeschichtlichen Betrachtungen können wir übergehen. Eigenartig berühren seine Ausführungen im Abschnitt „Das Judentum von der Zeit des Apostels Paulus bis zur Emanzipation", in denen er erklärt, die Juden wären anfangs auch Ackerbauer und Handwerker gewesen, aber der Sabbathkult, der Militärdienst u. a. hätten bewirkt, daß sie sich aus diesen Berufen zurückzogen. Eine solche Darstellung verträgt sich zwar nicht mit der historischen Wahrheit, aber sie wirkt populär und ist den Anschauungen gewisser deutschvölkischer Kreise angepaßt. Joerges kommt dann auf die Stellung des Judentums von der Emanzipation bis zur Gegenwart zu sprechen und wird nicht müde, den Gegensatz zwischen dem irrationellen Deutschen und dem i n - tellektualistischen Juden hervorzuheben. Diese Unterschiede seien der wahre Grund für den Antisemitismus, auch für den heutigen. Die Emanzipation der Juden, so führt er weiter aus, wirkte sich in den einzelnen Ländern verschieden aus. In Holland mit einem auf hoher Stufe stehenden Judentum löste sie keine Reaktionserscheinungen aus; in Deutschland dagegen trat das befreite Judentum aus dem Ghetto in ein materiell und seelisch zermürbtes Volk, das gänzlich außerstande war, völkisch den jüdischen Einfluß zurückzudrängen. Nach der Entwicklung der Gegenwart, die zur Primitivität und zum Unterbewußtsein drängt, kann der intellektualistische Jude nur bedingt Träger des neuen deutschen Lebenswillens sein. Joerges hebt hervor, daß die Juden keineswegs die Führerschaft in der neuen Kunst besitzen. Der jüdische Künstler arbeite aber unter günstigeren Bedingungen als der Nichtjude, weil ein großer Teil des Kunsthandels und des Theaters in jüdischen Händen sei und die Kritik auch nichtjüdischer Blätter sehr häufig von Juden besorgt werde. Groß wäre auch der Einfluß, den die jüdisch-religiöse Weltanschauung von jeher auf die christlich-abendländische ausgeübt habe und noch heute ausübe. Als Quintessenz dieser Erwägungen führt Joerges aus, daß er den Ruf nach Beseitigung der alttestamentlichen Elemente aus unserer Ethik und nach Beschränkung der alttestamentlichen Stoffe in unserem Schulunterricht für durchaus verständlich hält. Bezeichnend sind auch Joerges' Betrachtungen über den Einfluß des jüdischen Geistes auf das Staatsleben der Gegenwart. Bei der Bismarckschen Reichsgründung sei das Judentum nicht zur Mitarbeit gekommen. Es sah die Geburt des deutschen Reiches mit verhältnismäßig geringer Anteilnahme. Sein Interesse, sein Bestreben lag auf einer andern Ebene. Umso stärker hat es bei der Revolution von 1918 mitgewirkt und diese wurde ziemlich allgemein als ein Sieg des Judentums empfunden. Die Revolution aber habe auch starke Momente innerer Auflösung in das Judentum hineingetragen. Ist die Annahme gerechtfertigt, so fragt Joerges weiter in dem vorletzten Abschnitt seines Buches, daß das Judentum noch eine weitere Entwicklung und Aufwärtsbewegung vor sich hat? Oder muß man annehmen, daß die Tage seiner Herrschaft gezählt sind? Die zweite Frage glaubt Joerges bejahen zu müssen, denn gerade die Revolutionen haben die völkischen Reserven des Judentums mächtig erschüttert. Mag das Judentum, so meint er, im 19. und 20. Jahrhundert große Erfolge erzielt haben, es hat diese mit dem Veriust seiner sämtlichen Reserven bezahlen müssen. In diesem Sinne sind Emanzipation und Revolution seine schlimmsten Feinde gewesen. Ein einheitlicher völkischer Lebenswille ist nicht mehr vorhanden. Nur in der Abwehr der Gegner ist das Judentum noch einig. Es hat keine Reserven mehr, es bekommt keinen Zuzug mehr von außen. Es unterliegt in seiner Hauptmasse den bevölkerungsschädlichen Einflüssen der Großstadt. Er weist den Juden, die sich zum Sterben die nötige Zeit lassen werden, als einzigen Weg den der Eindeutschung. Mit den Worten „Die Schicksalsfrage des Juden löst nicht der Antisemit" . . . der Jude „schafft sich selbst das Schicksal", schließt Joerges sein Buch, das alles in allem dazu angetan ist, den Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden durch einige effektvoll aufgebauschte Halbwahrheiten noch zu vertiefen. Für und wider das Alte Testament. In Nr. 23 des „Schulboten für Hessen" vom 4. 6. 1927 wirft Michael Zang in einem Aufsatz: „Nun auch noch Religionsphilosophie für die Volksschule!" die Frage auf, ob das alte Testament an den Volksschulen weiter gelehrt werden soll. Er kommt zu der Folgerung, daß das Alte Testament als religiös sittliches E r z i e h u n g s i n s t r u m e n t 112