Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 6 (17.11.1927)
- Date
- 1927-11-17
- Page
- Seite 109 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9620164-9626613-9626526--137-9626547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich, der Unterzeichnete, bin der katholische Landgerichtsdirektor Kiewer, in Köln, Beethovenstraße 10. Ich war bis zum 1. 10. 1926 22 Jahre Mitglied des hiesigen Amts- und Landgerichtes, darunter beinahe 14 Jahre Landgerichtsdirektor. Ich bin befreundet mit einer jüdischen Familie und lese regelmäßig Ihre geschätzte C. V.-Zeitung. Mit größtem Interesse habe ich den Artikel „Der Richter" von Landgerichtsrat Naumann in Nr. 26 gelesen und habe daraus zu meiner größten Verwunderung entnommen, daß von gewisser Seite den jüdischen Richtern und Staatsanwälten der Vorwurf bewußter Rechtsbeugung gemacht wird und daß man vor allem „Richtern jüdischer Rasse nicht vollstes Vertrauen entgegenbringen könne". Politisch bin ich vollständig farblos und Anhänger des alten Satzes, daß jeder nach seiner Fasson selig werden kann. Aber hier drängt mir das Gefühl der Gerechtigkeit die Feder zu einer Beantwortung in die Hand. Mir kann niemand entgegenhalten, ihm stände in dieser Sache ein besseres Urteil zu wie mir. Denn ich habe in meiner langjährigen richterlichen Tätigkeit mit jüdischen Richtern verkehrt und teilweise mit ihnen 'gearbeitet. Es befinden sich darunter Richter aller Grade vom Reichsgerichtsrat an. Ich fühle mich verpflichtet, die Erklärung abzugeben, daß ich niemals wahrgenommen habe, daß bei der Urteilsfindung wie überhaupt bei der Ausübung der richterlichen Tätigkeit irgend ein Unterschied zwischen einem christlichen und einem jüdischen Richter zu finden gewesen wäre. Die jüdischen Richter haben stets mit der größten Gewissenhaftigkeit und der größten Objektivität ihres Amtes gewaltet. Zum Schluß bemerke ich noch, daß nach meiner Meinung die Ausschaltung jüdischer Richter, wie sie von gewisser Seite angestrebt wird, für die Rechtspflege einen unersetzlichen Verlust bedeuten wird. Ich stelle Ihnen anheim, von diesen Zeilen den Ihnen geeignet erscheinenden Gebrauch zu machen. Für eine kurze Antwort wäre ich Ihnen sehr verbunden, Ich bemerke noch, daß ich katholischer Religion bin und kein Tropfen jüdischen Blutes in meinen Adern fließt. Mit vorzüglicher Hochachtung gez. K 1 e w e r Landgerichtsdirektor." Die jüdischen Frontsoldaten in Württemberg und Hohenzollern. Vor einiger Zeit haben wir an verschiedene höhere Militärs die Schrift „Die jüdischen Frontsoldaten in Württemberg und Hohenzollern" versandt. Es sind uns daraufhin zahlreiche Dankschreiben zugegangen, u. a. vom General der Infanterie von Kühl, vom Chef der Heeresleitung General der Infanterie Heye u. a., Wir veröffentlichen nachstehend einige Zuschriften im Auszug: „Es ist mir sehr wertvoll gewesen, Einblick in diese Schrift nehmen zu dürfen. Der Zusendung von weiterem Material an mich bedarf es aber nicht, denn ich habe niemals daran gezweifelt, daß die deutschen Juden im Weltkriege ebenso gut ihre vaterländische Pflicht erfüllt haben, wie irgend wer s o n s t." * „Euer Hochwohlgeboren danke ich bestens für die Zusendung Ihrer Schrift „Jüdische Frontsoldaten aus Württemberg und Hohenzollern". Ich habe sie mit großem Interesse studiert und werde meine aus ihr empfangenen günstigen Eindrücke bei passender Gelegenheit weiter verbreiten. Wenn ich Euer Hochwohlgeboren mitteile, daß ich während des Weltkrieges über drei Jahre einen jüdischen Burschen hatte, mit dem ich sehr zufrieden war und mit dem ich noch ständig Beziehungen unterhalte, so werden Sie verstehen, daß es für mich keines weiteren Materials bedarf." * „Ich bestätige mit bestem Dank den Empfang des Büchleins: „Jüdische Fronsoldaten aus Württemberg und Hohenzollern", das ich mit großem Interesse studiert habe. Als K. T. an verschiedenen Hauptkampffronten im Westen kann ich nur bestätigen, daß meine jüdischen Kameraden ihre schwere Pflicht in jeder Beziehung erfüllt haben und als Soldat und Mensch von uns allen geachtet und geschätzt wurden. Für Uebersendung weiteren Materials wäre ich Ihnen dankbar, um diejenigen, welche wohl mehr aus Unwissenheit mit dem häßlichen Schlagwort „jüdische Drückeberger" arbeiten, an Hand von statistischem Material aufklären zu können. Mit kameradschaftlichem Gruß bin ich Ihr sehr ergebener gez. Unterschrift, Major a. D." Innerjüdisches. Die Stellung des Centraivereins zu den innerjüdischen Fragen in den Jahren 1919—1926. Eine Denkschrift für die Vereinsmilglieder von Rechtsanwalt Ludwig F o e r d e r , Breslau. F o e r d e r hat in einer zwei Bogen umfassenden, sehr interessant und flüssig geschriebenen Broschüre in fünf Abteilungen folgende Themen behandelt: 1. Die Bedeutung des § 1 der Statuten, 2. Die Stellung zum Zionismus, 3. Die Stellung zum Verbände nationaldeutscher Juden, , < 4. Die Stellung zum Palästina-Aufbau, 5. Centrai-Vereins-Reformen. Die ersten vier Kapitel des Buches gipfeln in dem Wunsche, daß unser C. V. die sogen, innerjüdischen Auseinandersetzungen auf sich beruhen lasse und sich lediglich mit der Bekämpfung des Judenhasses beschäftige. Ein wertvolles Material hat Foerder gut bearbeitet. Für jeden, der sich mit unseren Fragen beschäftigt, wird darum die Kenntnis der Schrift zweckmäßig sein. Allerdings sieht sie die Dinge mit ihren Augen und übersieht infolgedessen Manches. Man könnte deshalb vom anderen Standpunkt eine entgegengesetzte Broschüre schreiben, ohne sich der Unwahrheit schuldig zu machen. Sicherlich sind in der Geschichte des C. V. die Dinge nicht immer gleichmäßig gelaufen. Aber eines wird man sagen können: Die national jüdische Idee in ihrer reinen Ausprägung wurde stets auf das schärfste vom C. V. abgelehnt. Auch Foerder lehnte sie immer ab und tut das noch heute. Er meint nur — und sicherlich nicht ganz ohne Recht —, daß dieser Frage heute lange nicht mehr die gleiche aktuelle Bedeutung zukommt, wie das früher der Fall war. Nach der Foerderschen Auffassung müßte die Behandlung des Palästinaproblems überhaupt aus unserem schon mit anderen Aufgaben genügend belasteten Arbeitskreise ausscheiden. In einem letzten Kapitel behandelt Foerder C. V.- Reformen. Er wünscht insbesondere einen neuen 109